Digital-Reiseland Deutschland: früher Knödel-Labor, heute Insurtech-Brutkasten

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Digitale Versicherungen, Robo-Advisor-Lösungen und intelligente Chatbots: In den Hochburgen der deutschen Versicherungswirtschaft werden die Technologien für die Zukunft der Branche gefördert. Die Insurtech-Szene in den Städten erzählt dabei auch die Geschichte eines Strukturwandels. Unsere Reise durch die Digitalrepublik Deutschland führt uns im Teil 8 nach Köln und München.

Früher wurden hier Kartoffel-Knödel hergestellt – heute entstehen Ideen für eine digitale Versicherungsbranche. Das Werk1 auf dem Gelände der einstigen Pfanni-Produktion im Münchner Werksviertel bietet Gründern Raum für ihre Geschäftsmodelle. Seit 2012 hat sich die Adresse als Anlaufpunkt der digitalen Start-up-Szene an der Isar etabliert. Einer der Bewohner im Werk1: das zehnköpfige Team des Insurtech Hub Munich.

München ist eines von zwei Kompetenzzentren für Insurtechs in Deutschland. Das zweite befindet sich in Köln. Beide Städte sind seit jeher Hochburgen der Branche. München beheimatet mit der Allianz und Munich Re gleich zwei der größten Versicherungskonzerne der Welt. Köln wiederum blickt mit der Colonia (heute Axa Deutschland), Gothaer und der DEVK auf eine besonders lange Historie zurück, die ins 18. Jahrhundert reicht und eng mit Namen wie Oppenheimer und Schaafhausen verknüpft ist.

Accelerator-Programme für den Anfang

An der Isar hatten die Allianz und Munich Re bereits kurz vor der Ernennung zum Kompetenzstandort den Insurtech Hub Munich ins Leben gerufen. Inzwischen sind hier auch Microsoft, Generali, der ADAC und andere als Partner mit an Bord. Bislang setzen die Bayern dabei vor allem auf Accelerator-Programme. Mit Erfolg: Der Zuspruch wächst. Allein bei der jüngsten Runde wurden 40 Start-ups zugelassen. Die teilnehmenden Gründungen kommen aus der ganzen Welt – die meisten von ihnen sind „early stage“, stehen also noch ganz am Anfang. In den Schulungen werden sie von Mentoren an die Hand genommen, bekommen Hinweise und Tipps zum Aufbau der eigenen Firma. Der Hub hilft darüber hinaus, Kontakte zu Investoren herzustellen und Netzwerke aufzubauen. In Zukunft soll das Programm noch deutlich ausgeweitet werden.

Insurtech Demoday 2019 (Bild: Philipp Bachhuber / Insurtech Hub Munich e.V.)
Demoday 2019 (Bild: Philipp Bachhuber / Insurtech Hub Munich e.V.)

Mehr als 65 Alumni-Start-ups aus den Accelerator-Programmen zählt der Hub bereits jetzt. Shift-Technology ist eine der Gründungen, die den Durchlauferhitzer in München absolviert haben. Das Geschäftsmodell des französisch-amerikanischen Unternehmens: Es bekämpft Versicherungsbetrug mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Ebenfalls unter den Alumni befinden sich die Gründer von Nect – die zwei Hamburger haben sich auf das Thema Identitätsnachweise spezialisiert und den ersten digitalen Versicherungsausweis entwickelt. Intelligente Chatbots wiederum entwickelt E-bot 7, eines der originären Münchner Start-ups aus dem Hub.

Köln – Besuch im zweiten Insurtech-Hub

Rund 602 Straßenkilometer von München entfernt, befindet sich der zweite Insurtech-Hub Deutschlands. Eine Stunde dauert der Flug von der einen in die andere Metropole, sechs Stunden die Zugfahrt vom Insurtech Hub Munich zum Insurlab Germany. Dort ist in den vergangenen Jahren der Insurlab-Campus entstanden, der 90 Arbeitsplätze für Insurtech Start-ups und die Digitalabteilungen der jeweiligen Mitgliedsunternehmen bietet. Während in München Knödel gegen Ideen eingetauscht wurden, waren es auf dem Carlswerk-Gelände in Köln, wo der Insurlab-Campus entstanden ist, Telefonkabel.

Hervorgegangen ist das Insurlab Germany aus einer Brancheninitiative der deutschen Versicherungswirtschaft und wurde von den Unternehmen gemeinsam mit der Stadt Köln, der IHK Köln, der Universität sowie der dortigen Technischen Hochschule gegründet. Mehr als 75 Unternehmen sind beim Insurlab inzwischen mit an Bord. Es gilt derzeit als größtes Netzwerk seiner Art in Deutschland. Ähnlich wie in München wird auch hier auf Accelerator-Programme gesetzt – daneben auf vielfältige Art von Vernetzung, wie Matchmaking und verschiedene Events. Gemeinsam mit der Koelnmesse steht Insurlab Germany hinter der InsurNXT|CGN, der nach eigenen Angaben „künftig führenden Plattform für traditionelle Versicherer, Makler, Start-ups sowie Beratungsunternehmen“.   

Die vielleicht prominentesten Namen unter den Mitglied-Start-ups im Kölner Hub sind zweifelsohne jene der digitalen Versicherer Ottonova, Mailo und Neodigital. Andere Mitglieder haben sich auf versicherungsnahe Dienstleistungen und Produkte spezialisiert. Moneymeets bietet RoboAdvisor-Lösungen für die Finanzbranche an. Tech11 entwickelt Core Insurance Solutions. Moneymeets vertreibt RoboAdvisor-Lösungen für die Finanzbranche.

Vielfältige Verbindungen

Die Verbindungen zwischen Köln und München sind vielfältig. Offiziell und inoffiziell. Auch hier gilt, was Marco Affonseca, Head of Global Innovation, jüngst anlässlich eines neuen Förderprogramms des Münchner Hubs sagte: „Alleingänge führen oft nur über zahlreiche Umwege zum Ziel, wenn überhaupt. Wirkliche Innovation funktioniert anders!“ Das neue Geheimrezept basiere auf einer eigentlich altbekannten, aber leider manchmal in Vergessenheit geratenen Zutat: Zusammenarbeit.

Unserem aktuellen Branchenkompass Insurance zufolge, halten 40 Prozent der Versicherer und Makler in Deutschland Kooperationen mit Insurtechs für grundsätzlich sinnvoll. Wer nach möglichen Partnerschaften mit Gründungen aus der Versicherungsbranche Ausschau hält, dürfte beim Start-up-Radar fündig werden –  V.E.R.S Leipzig und die Sopra-Steria-Tochter, ISS Software, bewerten auf dieser Plattform Insurtechs. So profitieren Start-ups dann auch mitunter von beiden Hubs – eben immer in unterschiedlichen Entwicklungsphasen. Nect beispielsweise – zunächst Alumni in München und späterer Teilnehmer eines Accelerator-Programms in Köln – kooperierte schließlich mit den R+V-Versicherungen, die ihrerseits Gründungspartner des Kölner Insurlab sind. Die Szene denkt groß und überregional. Daher erscheint es auch keineswegs als Widerspruch, dass das einzige deutsche Insurtech-Einhorn – also ein Start-up mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar – weder in München noch in Köln angesiedelt ist. Wefox hat seinen Sitz in Berlin.

Über die Blogreihe

Die USA haben mit dem Silicon Valley ein großes digitales Zentrum, das alle anderen überstrahlt. Deutschland setzt auf mehre starke Cluster der digitalen Exzellenz, wie die Initiative Digital Hubs Germany vom Digitalverband Bitkom und dem Bundeswirtschaftsministerium zeigt. Wir stellen sie der Reihe nach im Blog Digitale Exzellenz vor.

Teil 1: New Work auf knarrenden Speicherböden (Logistics-Hub in Hamburg)

Teil 2: Gesunde Start-up-Luft schnuppern (Digital-Health-Hub in Nürnberg/Erlangen)

Teil 3: Vom Großatelier-Filmstudio zum globalen MediaTech-Standort (Mediatech-Hub in Potsdam)

Teil 4: K wie Karlsruhe, K wie Künstliche Intelligenz (AI-Hub in Karlsruhe)

Teil 5: Zu Besuch in Europas größtem IoT-Hub (Smart Systems Hub Dresden)

Teil 6: Digital-Reiseland Deutschland: Mit Start-ins zu mehr Innovationen (Digital Hub Logistic Dortmund)

Teil 7: Vom Banken-Viertel zur Fintech-Metropole (Fintech Hub Frankfurt)

Teil 8: früher Knödel-Labor, heute Insurtech-Brutkasten (Insurtech Hub München und Köln)

Teil 9: Sectechs aus der Wissenschaftsstadt (Cybersecurity Hub Darmstadt)

Teil 10: Vom historischen Buchhandelszentrum zur Smart City (Smart Infrastructure Hub Leipzig)

Bilder: Getty Images; Philipp Bachhuber / Insurtech Hub Munich e.V.


Sopra Steria

Unsere Redaktion betreut den Blog inhaltlich und technisch


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