Digital-Reiseland Deutschland: Gesunde Start-up-Luft atmen

Digital-Reiseland Deutschland: Gesunde Start-up-Luft atmen

Wer als Chief Digital Officer im Gesundheitswesen die Nähe zu Medizin-Start-ups und nach digitalen Innovationen sucht, der kommt an einer Reise zum Digital Health Hub in Erlangen und Nürnberg nicht vorbei. Teil zwei unserer Reise durch die Digitalrepublik Deutschland.

„Wir wollen den Spirit verstehen, Verbindung zu den Top-Unis halten, aber trotzdem unser eigenes Ding machen und uns auf unsere eigenen Stärken fokussieren.“ So beschreiben Anne Braun (ZOLLHOF – Tech Incubator) und Jonas Jung (Medical Valley) vom Digital Health Hub selbstbewusst die Beziehung zum Silicon Valley und dem Bostoner Hub of Healthcare. Die Datenschutzkompetenz bei digitalen Gesundheitslösungen ist beispielsweise eine von vielen Assets in Deutschland, worauf Kollegen aus den USA oder auch China neidvoll nach Bayern schauen.

Das Medical Valley (Erlangen), einer der drei Träger des Hubs, signalisiert auch im Namen, was hier der Anspruch ist: eine der Top-Netzwerke zu sein, wenn es um Innovationen für die Digitalisierung im Gesundheitswesen geht. Genau genommen besucht man als neugieriger Healthcare-Manager auch nicht ein einziges Valley, sondern muss sich die Reise als eine Täler-Tour vorstellen. Zusammen mit dem ZOLLHOF – Tech Incubator (Nürnberg) und den Health Hackers (Erlangen) wollen die „Tal-Bewohner“ die Gesundheitsversorgung verbessern.

Dass sich die Digital-Health-Szene genau an diesem Ort versammelt, ist kein Zufall, sondern die Region lebt von ihrer Medizintechnik-Tradition. Erwin Moritz Reiniger gründete mit Max Gebbert und Karl Schall Ende des 19. Jahrhunderts das Medizintechnikunternehmen Reiniger, Gebbert & Schall (RGS) und belieferte schon bald Wilhelm Conrad Röntgen in Würzburg mit Röntgenröhren. Heute sind hier die großen Healthcare-Player wie Siemens Healthineers und Novartis angesiedelt. Mehr als 500 Mittelständler, die Universität Erlagen/Nürnberg sowie das Fraunhofer Institut machen die Region zu einem historisch gewachsenen Ökosystem der Gesundheitsbranche.

Die Digital-Hub-Träger wollen diese Tradition im digitalen Zeitalter weiterführen – und das mit modernen Möglichkeiten. Das Medical Valley nahe der Universität Erlangen versteht sich als Ansprechpartner für Start-ups sowie als Vermittler zwischen Gründern, Wissenschaftlern und Traditionsunternehmen. Es dreht sich in der Praxis viel um organisatorische Begleitung bis zur Marktreife. Die Gründer nutzen gerne die Expertise zum Thema Regulatory Affairs. Das Gesundheitssystem in Deutschland ist „super reguliert“. Der Hub berät Gründer in Compliance-Fragen und bei Zulassungen ihrer Innovationen.

Der ZOLLHOF – Tech Incubator kümmert sich stark um so genannte Early Stage Start-ups. Sie helfen beim Entwickeln des Business Plans, unterstützen die Suche passender Investoren und vermitteln Know-how, wie man am besten Crowdfunding-Kampagnen aufsetzt und wie Gründer Smart Capital bekommen, also neben finanzieller Unterstützung auch fachliches Feedback und Kontakte zu Partnern. Regulatorische Fragen sind ebenfalls ein präsentes Thema, beispielsweise an welchem Ort Daten medizinischer Geräte und Apps gespeichert werden dürfen und welche Sicherheitsanforderungen bei der Zusammenarbeit mit KRITIS-Kliniken bestehen. Veranstaltungen wie der Digital Tech Summit und Kooperationen mit der Digital Tech Academy der Universität Erlangen-Nürnberg sind wichtige Formate für den Aufbau und die Förderung von Innovationsnetzwerken.

Quelle: Zollhof.

Die Health Hacker sprechen mit ihrem Zuschnitt sehr stark die Tech-Community an. Der Verein sieht sich als Treffpunkt für Digital-Healthcare-Enthusiasten. Der Kern der Arbeit ist das Zusammenbringen von Ärzten, Krankenhausmanagern, Wissenschaftlern und Tech-Entwicklern, um an praktischen Lösungen für die Gesundheitsbranche zu tüfteln. Der Hackathon gehört als Event-Format zur Vereins-Kultur, auch deshalb, weil ein Hackathon zur Entwicklung eines Wearables für die Rheumaforschung zur Gründerstory gehört.

Digital Healthcare Made in Germany

Die Bandbreite neuer Lösungen, die im Hub entstehen, ist unglaublich groß. Ein Mega-Thema ist die Unterstützung der Pflege durch Digitalisierung. Die Plattform IT-Labs, ist ein Hub-Gewächs. Das Team unterstützt Homecare-Unternehmen mit der evidenzbasierten Analyse von Anamnesedaten um passgenaue Produkte für jeden Patienten zu identifizieren, einem Tool für Rezeptmanagement und einer Tourenplanung. Das Start-up Moio Care entwickelt derzeit ein intelligentes Pflegepflaster. Es verarbeitet permanent Sensorinformationen und interpretiert sie selbstständig. Liegen Pflegepatienten zu lange auf einer Stelle, schlägt das Pflaster Alarm. Das Pflegepersonal muss nur Patienten nur dann umlagern, wenn es nötig ist.

Ein weiteres großes Themencluster, das an Relevanz gewinnt, sind Cross-Industry-Innovationen. Gesundheit und Mobilität wachsen beispielsweise zusammen. Ein Beispiel ist der Medibus der Deutschen Bahn, um Versorgungslücken auf dem Land zu schließen. Eine Lösung aus dem Digital Hub Healthcare ist ein Rucksack für Sehbehinderte. Der Blindenstock 4.0 ist mit Sensoren ausgestattet, erkennt Hindernisse und fördert so die Mobilität der Nutzer.

Vom Prototyp zur Marktreife

Innovation und Entrepreneurship sind die Grundpfeiler aller drei Hub-Träger. Dazu kommt das Ziel, alle Beteiligten am Gesundheitssystem zusammen zu bringen. Junge Gründer, Mediziner, Krankenversicherungsexperte sowie gestandene Konzernmanager sollen Start-up-Luft atmen und sich von den Ideen und neuen Denkansätzen inspirieren lassen. Die Hub-Macher betonen zudem die Einbindung der Bevölkerung in wichtige Fragestellungen, beispielsweise den Schutz von Patientendaten bei der Entwicklung von Telemedizin und vernetzten OP-Lösungen. Der Hub sieht sich somit auch als Brückenbauer.

Der Dialog zwischen den verschiedenen Akteuren liefert so manch wertvollen Impuls. Die Nürnberger Versicherung konnte beim Aufbau der eigenen Innovationsabteilung auch auf Expertise aus dem Hub zurückgreifen. Und ein Unfallchirurg erkannte, dass das lebenswichtige Fixieren von Körperteilen nach einem Unfall deutlich zu lange dauert, weil die Teile zu kompliziert anzubringen sind. Daraus entsteht derzeit ein neuartiger „Fixateur“ snakeFX. Das Start-up nice!innovations sucht aktuell die Investoren, um seinen Prototypen zur Marktreife zu bringen – mit Unterstützung aus dem Medical Valley und des Digital Health Hub Erlangen-Nürnberg. „Sollten die drei Hub-Träger einmal nicht mehr gebraucht werden“, sagen Anne Braun und Jonas Jung, „haben wir alles richtig gemacht“.

Foto: Getty Images / Yuichiro Chino

Über die Blogreihe

Die USA haben mit dem Silicon Valley ein großes digitales Zentrum, das alle anderen überstrahlt. Deutschland setzt auf mehre starke Cluster der digitalen Exzellenz, wie die Initiative Digital Hubs Germany vom Digitalverband Bitkom und dem Bundeswirtschaftsministerium zeigt. Wir stellen sie der Reihe nach im Blog Digitale Exzellenz vor.

Teil 1: Digital Hub Logistics in Hamburg


Sopra Steria Consulting

Unsere Redaktion betreut den Blog inhaltlich und technisch


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