Innovationskultur: gründlich, pragmatisch oder ein bisschen von beidem

Innovationskultur Covid-19 Tracker Afrika
Sopra Steria
durch

Die aktuelle Pandemie beschleunigt die Digitalisierung. Diesen Satz liest man fast Mantra-artig quer durch die Medien und Blogs, auch bei uns geteilt. Beispiele aus Afrika, gefunden bei Spiegel online, zeigen, dass da tatsächlich etwas dran ist. Aber: Es ist nicht allein die Not, die erfinderisch macht. Es braucht zudem eine Innovationskultur des Machens, in der Bedenken und Risiken gemanagt werden und nicht zwangsläufig das Aus für Innovationen bedeuten.

Darum geht es in dem Fundstück: „In vielen afrikanischen Ländern hat die Pandemie technische Innovationen beschleunigt“, berichtete Spiegel online in einem Interview im Januar. In Simbabwe prüfen Grenzbeamte per Handy, QR und Blockchain-Technologie die Echtheit von Corona-Tests der Einreisenden – nicht mit Formularen wie bei uns. Ghana zählte zu den ersten Ländern, die Kontakte mit einer App verfolgten, der Funktionsumfang ist deutlich größer als die COVID-19 App in Deutschland. In Kenia wurden Handy-Überweisungen der Passgiere von Kleinbussen genutzt, um Infektionsketten nachzuverfolgen.

Quelle: Screenshot vom COVID-19 Tracker in Ghana aus dem Google Playstore

Viele dieser Innovationen erfüllen nicht die Datenschutzstandards, wie wir sie kennen. Dass Regierungen Bewegungsdaten direkt von den Telefongesellschaften erhalten, ist in Europa so ohne weiteres nicht denkbar und aus Sicht der Mehrheit in Deutschland nicht wünschenswert. Unser COVID-19 App zeigt deshalb wiederum nicht an, wo im Viertel oder wo auf dem Arbeitsweg aktuelle Corona-Hotspots liegen.

Das Interessante an der Geschichte

Den Ländern in Afrika ist Datenschutz nicht egal. In Kenia drohen beispielsweise zwei Jahre Haft oder bis zu 26.000 Euro Geldstrafe, wenn man es mit dem Datenschutz nicht so genau nimmt. Es gibt allerdings noch zu wenige Behörden auf dem Kontinent, die neue Datenschutzgesetze umsetzen.

Aber das System funktioniert auch so: Die vorrangig jungen Entwickler, so heißt es, priorisieren mangels Kontrollen den Faktor Schnelligkeit, weil das gerade wichtiger ist. Dafür nehmen sie erst einmal in Kauf, dass weniger Menschen die App installieren und einschalten, weil die Akzeptanz fehlt. Denn die meisten Afrikaner wissen um die Risiken und managen sie, indem sie für sich einschätzen, was wichtiger ist: Datenschutz oder der Nutzen einer Technologie. Deshalb sind Nutzerquoten unter Normalbedingungen niedriger, weil sich auch in Afrika viel um ihre Daten sorgen.

In einer Krise wie derzeit sind die Mechanismen jedoch zumindest in Teilen außer Kraft gesetzt. Wer reisen muss, wird einen COVID-19-Testnachweis auch über die vermeintlich unsichere Smartphone-App nutzen. Ebenso verhält es sich mit der Telemedizin. Dadurch, dass Reisen eingeschränkt möglich sind, können viele Afrikaner eine bessere medizinische Versorgung, wie sonst üblich, nicht in einem anderen Land in Anspruch nehmen. Dieser Umstand und die ohnehin starke Verbreitung von Mobilfunkdiensten, haben das Angebot von Online-Sprechstunden und anderen digitale Gesundheitsdienstleistungen deutlich schneller wachsen lassen als in Deutschland.

Zwei Innovationskulturen, die voneinander lernen sollten

Typisch europäisches Innovationsmanagement setzt, pauschal formuliert, sehr stark auf Gründlichkeit, um beim Launch einer Entwicklung möglichst viele Nutzer durch niedrige Risiken und wenige Fehler zu überzeugen. Ein typisches Innovationsmanagement in Afrika kommt aus der anderen Richtung und ist mehr von Experimentierfreude geprägt, zugunsten eines schnellen Ergebnisses und mehr Funktionalität und mit Abstrichen bei der Nutzerakzeptanz.

Spannend wäre, beide Modell miteinander zu verbinden und einen Best-of-Breed-Ansatz zu finden. Entscheider und Entwickler beider Innovationskulturen sollten Bildungsreisen in die jeweils andere Region unternehmen – sobald wieder möglich –  und für sich herausfinden, was sie für das eigene Innovationsmanagement übernehmen können und wo die Vereinbarkeit von Gründlichkeit und Pragmatismus ihre Grenzen haben.


Sopra Steria

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