Digitale Plattformen: Es muss nicht immer Amazon sein

Digitale Plattformen Alternativen zu Amazon
Simon Oberle
durch

Im Schatten der großen Plattformen wie Amazon entstehen vitale Ökosysteme, die mit eigenen Dienstleistungen und technischen Ergänzungen neue Geschäftsmodelle auf den etablierten Plattformen anbieten. Das ist einer der Erfolgsfaktoren der Plattformökonomie, die mit Spezialangeboten auch in Nischen gedeiht. Unser Blogbeitrag zeigt anhand von Beispielen, welche Partner-Varianten möglich sind.

Unternehmen stehen in der Plattformökonomie vor verschiedenen Möglichkeiten. Sie können etablierte Produkte und Services über eine der großen Plattformen vermarkten und vertreiben, zu einer Nischenplattform tendieren oder beides gleichzeitig anstreben. Zudem bestehen die Optionen, eine eigene Plattform aufzubauen und mit speziellen digitalen Services und analogen Dienstleistungen an bestehenden Plattformen zu partizipieren. Wie das genau aussehen kann, zeigen wir anhand verschiedener Plattform-Partner.

A.T.U.: Vom Autoteilezulieferer zum Amazon-Partner

Das oberpfälzische Unternehmen A.T.U. kennt man als Händler von Kraftfahrzeugteilen und Betreiber von Reparaturwerkstätten. Auf der weltweit erfolgreichen Handelsplattform Amazon hat A.T.U. aber auch einen speziellen Service übernommen, der sich mit „Nische“ nur untertreibend charakterisieren lässt: A.T.U. hat für Amazon-Kunden die Entsorgung von Altöl übernommen. Diese muss nach dem §8 der Altöl-Verordnung (AltölV) zufolge von Händlern angeboten werden, die „gewerbsmäßig Verbrennungsmotoren- oder Getriebeöl an Endverbraucher“ abgeben. Der Deal ist zum gegenseitigen Vorteil: Jede A.T.U.-Filiale nimmt das über Amazon gekaufte Altöl an und führt es der Entsorgung zu. Damit erfüllt der Online-Marktplatz die Auflagen des Gesetzgebers. Der A.T.U.-Service ist ein schönes Beispiel dafür, wie traditionelle Industrie mit E-Commerce-Unternehmen zusammenwachsen können, um ihren Kunden besseren Service zu bieten.

Verimi: Allianz für einfache Autorisierung

Auf die Zusammenarbeit im Digitalen setzt dagegen die europäische Identitätsplattform Verimi, ein Unternehmen, das in Partnerschaft mit Allianz, Axel Springer, der Bundesdruckerei, CORE, Daimler, Deutsche Bank, Giesecke & Devrient, Here, Lufthansa und Telekom entstanden ist. Das Unternehmen versteht sich als „privater Schlüssel für die digitale Welt“ und bündelt Registrierung und Anmeldung von Privatpersonen auf Webseiten und Plattformen mit nur einem Account. Umständliche Registrierungsprozesse und die Suche nach dem richtigen Passwort sollen so der Vergangenheit angehören. Verimi bietet sich also als Partner großer Plattformen an, wird allerdings bislang vor allem von der Deutschen Bank als Identifikationsdienst genutzt.

PayPal: Zahlung einfach

PayPal ist dagegen weltweit aktiv und auch wesentlich häufiger auf anderen Plattformen vertreten. Wer Zahlungen über das Internet anbietet, greift mit großer Wahrscheinlichkeit zu PayPal, das mit einem Jahresumsatz von mehr als 13 Milliarden US-Dollar selbst zu den großen Unternehmen zählt. Wie die Plattformen macht es auch PayPal seinen Nutzern leicht, nach erfolgreicher Registrierung Gelder zu empfangen und weltweit zu transferieren. Im Idealfall mit nur einem einzigen Klick. Händler profitieren davon, dass Rechnungsbeträge sofort gutgeschrieben und erst Tage später vom Konto des Kunden abgebucht werden. Endkunden profitieren vom integrierten PayPal-Käuferschutz, über den sie den vollen Kaufpreis sowie angefallene Versandkosten zurückerstattet bekommen, wenn Waren fehlerhaft sind, nicht der Beschreibung entsprechen oder nicht verschickt wurden.

Plattformökonomie: In der Nische ist noch Platz

Im Fahrwasser der großen haben sich weitere Plattformen etablieren können: Vergleichsportale wie Check24 oder HolidayCheck, Mobilitätsplattformen wie zum Beispiel die Hamburger Verkehrsbetriebe (HVV), aber auch Banken und Energieunternehmen, die sich verstärkt als Portale für Finanzangebote oder um Fragen rund um die Energieversorgung positionieren.

Solche Plattformen können sich mit ihrem vergleichsweise schmalen Angeboten positionieren, weil sie genau auf aktuelle Kundenbedürfnisse zugeschnittenen sind: Wer ein Ticket für die U-Bahn löst, interessiert sich wahrscheinlich auch für ein Leihrad, sehr wahrscheinlich aber nicht für Haushaltgeräte, Lebensmittel oder Kleidung. Diese Beschränkung macht es den Kunden leichter, genau das zu finden, was sie im Moment brauchen.

Zweiter Vorteil solcher Plattformen: Sie haben über ihr traditionelles Geschäft enge, zum Teil über Jahre und Jahrzehnte geknüpfte, Kundenkontakte und genießen großes Vertrauen bei ihren Kunden. Sie sind also sehr empfänglich für Angebote jenseits des Kerngeschäfts. Diese beiden Faktoren sorgen dafür, dass diese Plattformen in der Nische überlebensfähig sind, selbst, wenn die GAFA-Unternehmen einen enormen Markt- und Margendruck entfalten.

Plattform-Evaluation unter Berücksichtigung der strategischen Ziele

Es gibt also gute Gründe, sich für die Teilnahme an Plattformen anderer zu entscheiden: keine Investitionen für den Aufbau und den Unterhalt und ständige Anpassungen der Plattformen an veränderte Marktbedingungen und Kundenverhalten durch den Betreiber. Ein weiterer Vorteil ist der Zugriff auf neue Kunden, wie die Studie Digital Platform Management von Sopra Steria Consulting und dem Hamburger Informatik Technologie-Center HITeC bestätigt. Als Partnerunternehmen profitieren sie in kurzer Zeit vom großen Kundenkreis der Plattform.

Es gibt auch gute Gründe gegen die Zuliefererrolle im Plattformuniversum. Eigene Prozesse müssen an die Infrastruktur und die Konditionen des Drittanbieters angepasst werden und lassen sich daher nicht mal eben von einer Plattform auf eine andere portieren, wenn der Anbieter gewechselt werden soll. Dann droht ein sogenannter Vendor Lock-In, also die faktische Abhängigkeit von einem Anbieter. Wenn gerade die Prozesse und die Konditionen ein Alleinstellungsmerkmal für ein Unternehmen darstellen, ist womöglich der Aufbau einer eigenen Plattform die bessere Option.

Sämtliche Pros und Cons gilt es bei der strategischen Entscheidung abzuwägen. Wenn diese Entscheidungen mit strategischem Blick getroffen sind, steht Unternehmen der Weg zur Partizipation mit erfolgreichen Plattformen nichts im Wege.

Digitale Plattformen – damit Sie mitreden können

Digitale Plattformen: 6 strategische Optionen für Unternehmen

High five: Diese fünf Faktoren zeichnen gute digitale Plattformen aus

Plattform-Code entschlüsselt: Auf diesen Bausteinen basieren digitale Plattformen

Digitale Plattformen: Ran an die Datenpunkte

Durch die Nutzerbrille: Darum mögen wir digitale Plattformen

Foto: Getty Images / Photographer is my life


Simon Oberle

Simon Oberle leitet bei Sopra Steria NEXT den Bereich Future Management Consulting für Financial Services sowie die DigiLabs. Er ist Experte für neue Geschäftsmodelle, Innovationen und Digitalisierungsstrategien in Banken.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.