Update: Digitale Plattformen 2021

Digitale Plattformen 2021

Die Macht der großen übernationalen Plattformen macht Sorgen. Aber das ist allenfalls die eine Seite der Medaille. Auf dem Revers finden sich gerade in Deutschland viele kleinere digitale Plattformen ohne dominante Marktmacht, aber mit großem Nutzwert. Fazit: Die Stunde der B2B-Plattformen, wie 2020 angekündigt, schlägt tatsächlich.

Was übergroße Marktmacht bewirken kann, hat mit Beginn der 1930er Jahren der damals größte Automobilhersteller der USA gezeigt: General Motors (GM) begann um die Zeit herum damit, systematisch Verkehrsunternehmen aufzukaufen, um anschließend die Straßenbahnstrecken der Firmen stillzulegen und stattdessen mehr Fahrzeuge aus eigener Produktion zu verkaufen.

Das Online-Lexikon Wikipedia, das wir hier als Quelle dieses historischen Ereignisses nennen, ist übrigens selbst ein Beispiel für Marktmacht, wenn auch keins mit kommerziellem Hintergrund. Brockhaus, Meyers Konversations-Lexikon, die Encyclopædia Britannica, aber auch das zuletzt bei Microsoft beheimatete Digitallexikon Encarta hat der „Quasi-Monopolist“ Wikipedia aus nahezu sämtlichen Märkten verdrängt.

Monopoly auf der Weltkarte

Natürlich verfügen auch die großen Plattformen des Technologiezeitalters, Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA), über viel Marktmacht. So viel, dass sogar in ihrem Heimatland USA schon die Rede von einer möglichen Zerschlagung der Konzerne ist, die mehr erwirtschaften als viele Staaten, aber weniger Steuern zahlen als manch ein Mittelständler aus dem Badischen. Längst sind die großen Plattformanbieter an die Seite von und in Konkurrenz zu Nationalstaaten getreten, wie der Kulturwissenschaftler Michael Seemann in seinem viel beachteten Buch „Die Macht der Plattformen“ schreibt.

Dabei ist den Plattformen gar nicht so einfach beizukommen. „Es ist eine Eigentümlichkeit von Plattformen als Regulierungsprinzip, dass sie Freiwilligkeit und Zwang miteinander verbinden“, schreibt Felix Stalder in der ZEIT: Niemand muss bei Facebook sein, bei Amazon oder Apple einkaufen oder mit Google suchen. Aber wer es nicht tut, muss mit den Nachteilen leben: weniger Kontakte, höhere Preise oder schlechterer Service. Und die unbestrittene Stärke der Plattformen ist es, „Möglichkeitsräume“ zu schaffen, wie Seemann es nennt: Sie ermöglichen es uns, in den immer komplexeren Umgebungen der modernen Welt effizient zu handeln. Genau über diese Vorteile bauen die Plattformen ihre enorme Macht auf. Unsere Freiheit, sie zu nutzen oder eben nicht, wird dadurch gleich auch wieder eingeschränkt.

Forderungen nach der Zerschlagung der GAFAs werden eher wenig Chancen eingeräumt. An ihre Stelle treten Bemühungen nach Regulierung der Marktmacht, jüngst etwa über diverse Vorhaben wie den Data Governance Act, den die EU seit Ende vergangenen Jahres diskutiert. Aber auch die kürzlich vom G20 beschlossene globale Mindeststeuer ist ein weiterer Versuch, derartig dominierenden Unternehmen verursachungsgerecht zu begegnen.

Der Blick auf die Plattformökonomie in Deutschland ergibt ein differenziertes Bild

Aber es gibt auch eine andere Seite: Schauen wir uns die Sache mit den Plattformen eine Nummer kleiner und in unserem Land an, fällt die Bewertung anders aus – jedenfalls jenseits der GAFAs.

Ob als Marktplätze, soziale Netzwerke oder Buchungsportale: Zahlreiche digitale Angebote in Deutschland basieren auf dem Modell der Plattformökonomie. Und auch im industriellen Umfeld nutzen immer mehr Unternehmen die Vorteile der Plattformökonomie und bieten ihren Kunden plattformbasierte Mehrwertleistungen an. Digitale Plattformen, so etwa der Bundesverband der Deutschen Industrie BDI, sind „im Alltag allgegenwärtig“ und unterscheiden sich zudem signifikant von den GAFAs aus den USA: „Bei B2B-Plattformen ist keine marktbeherrschende Stellung einzelner Plattformen feststellbar“, schreibt der BDI in seinem Leitfaden über deutsche digitale B2B-Plattformen.

Deutschland ist Plattformland

Stattdessen konstatiert der Verband einen „umfangreichen Wettbewerb zwischen Plattformen mit ähnlichen Angeboten und zwischen Plattformen und traditionellen/nicht-plattformbasierten Lösungen“. Zudem seien Plattformen aus Deutschland vor allem im industriellen Umfeld „vielfach hochgradig spezialisiert auf bestimmte, eng definierte Einsatzfelder oder Branchen.“ Schließlich wiesen Betreiber von B2B-Plattformen hierzulande „einen starken Dienstleistungscharakter auf. Vielfach passen sie ihre Plattformen an die Bedürfnisse einzelner Nutzer an.“

Wenn das die Unterschiede zwischen den großen und spezialisierten Plattformen sind, dann sind das tatsächliche handfeste Vorteile. Umso erfreulicher ist es, dass der BDI in seiner Broschüre gleich 78 solcher nützlichen Plattformen auflistet, darunter welche für IIoT und Daten sowie Retail- und Fertigungsplattformen, Supply-Chain-Management und Logistik. Darunter sind Plattformen, die nur ein einziges Ziel verfolgen: den Kunden eines speziellen Unternehmens die eigenen Produkte zu erklären. Aber es gibt auch zahlreiche Plattformen, die weit über den eigenen Tellerrand hinausblicken.

So wie Aviatar von Lufthansa Technik. Mit ihrer unabhängigen Plattform für digitale Produkte und Dienstleistungen bietet die Lufthansa-Tochter ihren Nutzern Lösungen von Predictive Maintenance bis hin zu automatisierten Fulfillment-Solutions und integriert dafür eine umfassende Auswahl digitaler Dienstleistungen und Produkte für Fluggesellschaften, MRO-Unternehmen aus dem Bereich Maintenance, Repair and Operations (Wartung, Reparatur und Betrieb), OEM und Leasinggeber. 

Centersight, wenngleich eine ebenfalls unternehmensgesteuerte IoT-Plattform, bietet seinen Kunden an, Geräte jeder Art zu vernetzen – seien es Maschinen, Fahrzeuge oder Automaten. Die Plattform ermöglicht es auch, Daten zu analysieren und damit Wartungszyklen zu optimieren, die Produktivität zu erhöhen und Kosten zu senken.

Und der Advaneo Data Marketplace ist ein auf firmenübergreifende Zusammenarbeit angelegtes Portal, das „die datensouveräne Bildung von Ökosystemen für datengetriebene Anwendungen ermöglicht“ (BDI). Dafür setzt das Portal auf künstliche Intelligenz, Datenmodelle und Applikationen und vor allem auf den freien Zugang zu Open Data.

Angesichts dieser und der vielen anderen vom BDI sorgfältig zusammengetragenen Beispiele, lässt sich durchaus konstatieren, dass in Deutschland die Stunde der B2B-Plattformen geschlagen hat. Und es ist zusammen mit dem Verband zu begrüßen, dass nach neben der gefühlten US- und China-Dominanz auch Unternehmen aus Deutschland mit ihren Plattformen Fuß fassen. Das ist nicht zuletzt für die Zukunftsfähigkeit des Standorts wichtig, und hier stimme ich mit einer Mehrzahl der vom Branchenverband Bitkom 2019 befragten Unternehmen überein, die genau das zu Protokoll gaben.

Die Diskussion um die Macht der digitalen Plattformen aus den USA und Asien ist nicht beendet, aber sie sollte mit Augenmaß und differenziert geführt werden. Nicht einmal die eingangs erwähnte und später als „Großer amerikanischer Straßenbahnskandal“ in die Geschichte eingegangene Aktion von General Motors wird heute einheitlich bewertet: Landesweit waren zwar rund 60 von 600 Verkehrssystemen direkt davon betroffen. Allerdings stellten bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts annähernd 90 Prozent der Verkehrsunternehmen den Straßenbahnbetrieb ein, und das ist wohl eher eine Frage der Transformation als der reinen Marktmacht.


Foto: Getty Images / phototechno


Kristijan Steinberg

Kristijan (Kris) Steinberg ist Head of Strategy Consulting bei Sopra Steria Next für das Marktsegment Industries. Er verantwortet strategische Digitalisierungsmandate und berät Unternehmensführer in der DACH-Region.


Kommentare

  1. Plattformen werden von VC-Firmen und dem Markt sehr gehyped. Neben dem echten Mehrwert ist hier sich auch etwas Buzzzz im Spiel, oder?

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