2020 schlägt die Stunde der B2B-Plattformen

#nextperspectives 2020 - Stunde der B2B-Plattformen

2019 war ein Jahr der Plattformen. Eine ganze Menge digitaler Plattformen hat sich etabliert, vor allem für den Endverbraucher (B2C). 2020 wird ein Jahr werden, indem wir deutlich mehr über die Entstehung neuer sowie das Zusammengehen bestehender B2B-Plattformen lesen.

Digitale Plattformen waren das Trendthema 2019. Das Thema spaltet allerdings auch die Wirtschaft in Deutschland: Die Hälfte der Unternehmen sieht sie als Bedrohung für das eigene Geschäft. 24 Prozent spüren bereits heute den härteren Wettbewerb, 23 Prozent rechnen in den kommenden Jahren mit Verlusten. Die andere Hälfte der Unternehmen (52 Prozent) bewertet die Plattformökonomie genau umgekehrt. Sie versprechen sich erhebliche Vorteile, vor allem durch Kosteneinsparungen. Das zeigt unsere Studie Potenzialanalyse Digitale Plattformen.

Aus unserer Sicht wird das Jahr 2020 tatsächlich beide Sichten bestätigen: Wir werden den Start einer Konsolidierung erleben. In deren Folge werden schwächere Plattformen verschwinden, wenn der spürbare Mehrwert fehlt, oder in Ökosystemen aufgehen. An so einem Ökosystem arbeitet beispielsweise Finleap. Nach der Fusion von Figo und Finreach zum „Mega-Fintech“ folgte in der zweiten Jahreshälfte 2019 die Bündelung einzelner Plattformen und die Ausweitung des Geschäfts. Gleichzeitig werden die jungen Wilden von Gestern die neuen Player von Morgen. So sitzt Finleap heute in der ehemaligen Zentrale der Berliner Bank.

Kleine Maschinenbau-Plattformen tun sich zusammen

Eine weitere Konsolidierung erleben wir im Maschinenbau. Das US-Unternehmen Xometry schluckte im Dezember die Münchener CNC- und 3D-Druck-Plattform Shift. Ziel ist der Aufbau eines internationalen Ökosystems für Metallverarbeitung. Start-ups wie Shift oder Laserhub aus Stuttgart bringen Mittelstand und CNC-Kapazitäten zusammen. Eigene Maschinenparks werden damit überflüssig. Der Bedarf ist riesig, weil viele Maschinenbauer nicht ausgelastet sind und ihre Fixkosten senken wollen. Um größere Aufträge zu stemmen und Expertise zu bündeln, haben sich auch die kleinen Plattformen Kreatize und Fabrikado zusammengetan.

Im Industriebeschaffungsmarkt entfalten sich somit gerade starke Gravitationskräfte. Es bleibt abzuwarten, ob diese kleinen Plattformsysteme irgendwann in einem großen IoT-Ökosystem wie MindSphere oder Adamos verschmelzen. Ein Risiko besteht darin, dass die Konsolidierung zu früh einsetzt und die Dynamik des Wettbewerbs verlorengeht. Denn ein Vorteil der vielen kleinen Gründer ist die Innovationskraft. Das lässt sich sehr schön im Fintech-Markt beobachten.

Nach groß kommt größer

Bereits starke, mehrwertorientierte Plattformen werden ihre Marktdurchdringung ebenfalls ausbauen. Reine Cloud-Plattform-Anbieter wie Salesforce, Workday und ServiceNow haben beispielsweise viel Aufmerksamkeit erhalten. Die Unternehmen eint, dass sie sich zu einer Art Metaplattform entwickeln, die verschiedenen IT-Systeme und Geschäftsprozesse in Unternehmen miteinander vernetzt. Hier besteht ein enormes Potenzial dafür, dass weitere Plattformen in die Umlaufbahn um diese Hubs herum einschwenken.

Plattform statt Produkt

Die Plattformen der nächsten Generation werden sich verstärkt als Relais-Stationen formieren und die schnelle Bereitstellung von Anwendungen, Produkten und Dienstleistungen ermöglichen. Sie werden die Nutzung neuer Technologien veredeln und beispielsweise eingebettete Funktionen für Analyse, KI und Automatisierung mitliefern. Die GAFA machen das ja bereits, und dieses Modell wird in anderen Geschäftsfeldern Schule machen.

Ein spannendes B2B-Plattformprojekt formiert sich gerade in der deutschen Industrie mit der Open Manufacturing Platform von BMW und Microsoft. Mittlerweile sind Bosch und ZF mit an Bord, die für eine zusätzliche Sogwirkung sorgen werden. Die Allianz soll andere produzierende Unternehmen bei der Skalierung von Innovationen unterstützen, sowohl durch branchenübergreifende Zusammenarbeit und Wissens- und Datenaustausch als auch durch Zugang zu neuen Technologien.

Ein interessantes Gedankenspiel des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE in der Bankbranche ist der Aufbau einer großen Open-Banking-Plattform in Deutschland als Alternative zur Fusion zweier Bankschwergewichte. Dieser Ansatz hat den Charme, dass andere Institute dem folgen könnten und Wettbewerb in der Branche über die Produkte sowie über die intelligente Nutzung der Infrastruktur und der Daten stattfindet und nicht über die Kosten des IT-Betriebs. Die Betreiber einer solchen Plattform müssten für die Umsetzung in Know-how und Technologie investieren. Das ist in Fintechs reichlich vorhanden, die an diese große Plattform andocken könnten. In dem Fall würde die Plattform-Konsolidierung innerhalb einer Branche intensiviert.

Am Beispiel Finanzdienstleistungen im B2C-Markt zeigt sich ein weiterer starker Treiber der Plattform-Konsolidierung: Klassische Bankprodukte wie Kredit, Zahlungsverkehr und Investment werden immer digitaler. „Aus Kundensicht wird Banking immer einfacher werden, bis es am Ende unsichtbar ist“, sagt mein Kollege Robert Bölke, Head of Banking bei Sopra Steria Next. Die Finanzierung von Konsumgütern ist nur ein einziger zusätzlicher Mausklick beim Kauf, die Zahlung an der Kasse erfolgt im Vorbeigehen und die Rentenlücke wird automatisch über kleine, dynamische Abbuchungen vom Konto geschlossen, so dass auch das Sparen und die Altersvorsorge nicht mehr wehtun. Bequemlichkeit und Spaß sind hier die Treiber, so dass Finanzdienstleistungen immer mehr Einzug in bestehende Ökosysteme wie GAFA halten werden. Am Ende werden wenige, umfassende (Meta-)Plattformen bleiben, die eine Vielzahl von Diensten integrieren. Alle anderen werden zu Produktlieferanten und müssen zusehen, dass sie effizient produzieren und gute Schnittstellen haben.

Diese Entwicklung wird sich bei B2B-Plattformen langsamer vollziehen. Das Geschäft ist komplexer und (noch) weniger kopierbar. Aber durch 3D-Druck und weitere Technologien werden auch hier die Produkte und Maschinen an Relevanz verlieren. Daten, Software und die Steuerung von Beziehungen verschiedener Partner werden immer wichtiger werden. Und hier räume ich großen deutschen Mittelständlern gute Chancen ein, eine zentrale Rolle zu spielen.

Next Perspectives 2020

Die Beraterinnen und Berater von Sopra Steria Next analysieren Innovationspotenziale und entwickeln sowie verbessern Geschäftsmodelle. Die Next Perspectives 2020 sind ihre Einschätzungen zu den Businesstrends, Technologien und Strategien für 2020. Die Top 5 erscheinen hier im Blog. Die vollständigen 16 Next Perspectives 2020 sind im Januar in zwei Kompakt-Beiträgen bei Linkedin erschienen:

https://www.linkedin.com/pulse/sopra-steria-next-perspectives-2020-frederic-munch/
(Teil 1: Businesstrends und Strategien)

https://www.linkedin.com/pulse/sopra-steria-next-perspectives-2020-frederic-munch-1f/
(Teil 2: Technologien und Methoden)

Die Digitalisierung muss liefern (Blog Post vom 19.02.2020)

2020 wird das Jahr der Daten (Blog Post vom 02.03.2020)


Frédéric Munch

Frédéric Munch ist Leiter von Sopra Steria Next, der Management-Consulting-Einheit von Sopra Steria. Er liefert die strategische Sicht auf die Digitalisierung.


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