Blockchain-Technologie kämpft sich durch

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Die Blockchain-Technologie! Ja, es gibt sie noch, auch wenn viele längst ihren Abgesang angestimmt haben. Größtes Manko für Skeptiker dieser nach wie vor interessanten Technologie sind die noch fehlenden praktischen Anwendungen, über die sie endlich die versprochene Praxistauglichkeit beweisen kann. Doch auf dem strategischen Technologieradar sollte man die Blockchain weiterhin haben.

Nach dem Hype in den Jahren 2015 bis 2018 war Mitte des vergangenen Jahres ein wenig die Luft raus bei der Blockchain-Technologie. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass sie nicht einfach zu verstehen ist. Hand aufs Herz: So richtig durchdrungen haben Blockchain die wenigsten. Die Folge: Verglichen mit anderen Technologien hat es seltener Klick gemacht in den Köpfen. Ideen für Anwendungen kamen eher aus den IT- als aus Strategie- und Fachabteilungen.

Bei anderen Technologiedisziplinen wie Künstliche Intelligenz war das Potenzial offensichtlich greifbarer. Zugegeben, neuronale Netze durchblickt auch kaum jemand, der das nicht studiert hat. Aber es gelang den Entscheidern irgendwie besser, zu abstrahieren und konkrete Use Cases für die Technologie(n) abzuleiten: Chatbots, Betrugserkennung, Predictive Maintainance, Natural Language Processing, Data Analytics, Robo Adivisory zum Beispiel.

Neuer Schub durch Corona

Die Corona-Pandemie hat ein neues Anwendungsfeld für die Blockchain-Technologie geschaffen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat beispielsweise mit führenden Techkonzernen und dem Blockchain-Partner Hacera die Plattform MiPasa entwickelt. Der ITK-Branchenverband Bitkom hat eine Liste mit weiteren Anwendungen veröffentlicht, die zeigt, was möglich ist – von der Ausstellung von Arzt-Rezepten aus der Distanz (E-Rezept) über die VisitorApp zur Entzerrung von Kundenströmen in Geschäften bis zum digitalen Corona-Gesundheitszertifikat.

Die aufgezeigten Bitkom-Beispiele haben alle eines gemeinsam: Die Anwendungsfälle sind nur über Unternehmens- und Organisationsgrenzen hinweg darstellbar. Das bedeutet, es bedarf einer Lösung, die die Geschäftsprozesse automatisiert abbildet und trotzdem die Teilnehmer gleichbehandelt. Es gibt keinen, der als Plattformeigner mehr Stimmrechte hat.

Großes Potenzial beim Tracken von Prozessen im Waren- und Güterverkehr

Im Waren- und Güterverkehr setzt derzeit ein Umdenken ein. Es entsteht ein wachsender Bedarf, Prozessen zu tracken. Durch die Krise besteht beispielsweise großes Potenzial, End-to-End-Geschäftsprozesse über Unternehmensgrenzen hinweg zu automatisieren und Ort und Zustand von Produkten nachzuverfolgen.

Das Verfolgen (Tracing) von Waren und Gütern hört heute noch meist an der Unternehmensgrenze von Geschäftspartnern auf, es sei denn, es besteht ein regelmäßiges Geschäftsverhältnis, wie bei Automobilkonzernen und ihren Zulieferern. Dazu kommt: Automatisierung mit klassischen Methoden ist teuer. Die Investitionen rechnen sich meist nur bei einer regelmäßigen Geschäftsbeziehung und ab einem gewissen Volumen. Vorteil der Blockchain-Technologie ist, dass die Infrastruktur nur einmal gebaut wird und die Technologie damit für unregelmäßige Geschäftsbeziehungen geeignet und wirtschaftlicher ist als klassische Systeme.

Aktie Blockchain auf jeden Fall halten

Wir sind deshalb nach wie vor davon überzeugt, dass Distributed Ledger eine vertrauenswürdige Technologie ist, die neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Sie kann eine große Zahl von Transaktionen dezentral, sicher, effizient und nachvollziehbar abwickeln. Redundante Datensicherung und Verschlüsselung verringern Betrugsrisiken. Dessen ungeachtet, wird Blockchain auch 2020 ihren Status als Exot nicht vollständig überwinden. Das ist kein Fehler: Die Blockchain-Technologie ist komplex und braucht Zeit. Aber es schadet nicht, wie zum Beispiel von der Bundesregierung angekündigt, wenn wichtige Player, hier die öffentliche Hand, eigene Projekte nicht nur ankündigen, sondern auch realisieren.

Wir wissen nicht genau, wann Blockchain zum technologischen Establishment zählen wird wie etwa Apps oder das Internet. Wir wissen nur: Die Wirkung einer flächendeckenden Nutzung wird die Art und Weise, wie Geschäfts- und andere Partner miteinander agieren, wie Dokumente und Daten getauscht werden, Identitäten geprüft, Besitzverhältnisse und Zustände von Gegenständen transparent gemacht sowie Transaktionen angestoßen werden, massiv verändern.

Wäre Blockchain eine Aktie, lautet unsere Empfehlung: Halten, auch wenn nicht für jedes Projekt die Blockchain sein muss, wenn es normale Datenbanken auch tun. Es braucht entsprechend komplexe Anwendungsfälle, beispielsweise eine Steuerreform für Banken. Wir befinden uns mit unserem pragmatischen Optimismus in guter Gesellschaft mit Analysten. Das Marktvolumen soll bis 2023 auf 23 Milliarden US-Dollar anwachsen, schätzen Experten. Unsere Blockchain-Unit freut sich auf diese Aussichten, ich auch.

Next Perspectives 2020

Der Beitrag ist Teil unserer Reihe „Next Perspectives 2020“. Wir geben kurze Einschätzungen zu den Businesstrends, Technologien und Strategien für 2020. Die Top 4 erscheinen hier im Blog. Die vollständigen 16 Next Perspectives 2020 sind im Januar in zwei Kompakt-Beiträgen bei Linkedin erschienen:

https://www.linkedin.com/pulse/sopra-steria-next-perspectives-2020-frederic-munch/
(Teil 1: Businesstrends und Strategien)

https://www.linkedin.com/pulse/sopra-steria-next-perspectives-2020-frederic-munch-1f/
(Teil 2: Technologien und Methoden)

Die Digitalisierung muss liefern (Blog Post vom 19.02.2020)

2020 wird das Jahr der Daten (Blog Post vom 02.03.2020)

Die Stunde der B2B-Plattformen (Blog Post vom 30.03.2020)

Blockchain-Technologie kämpft sich durch (Blog Post vom 05.08.2020)


Mustafa Cavus

Mustafa Cavus ist IT-Architekt bei Sopra Steria. Der studierte Informatiker hat sich auf die Themen Big Data und Blockchain spezialisiert.


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