Digitalisierung kann mehr als Legosteine sortieren

Digitalisierung

Im März hatte ich beschlossen, meinem Sohn Matteo zum Geburtstag ein neues Spielzeug zu schenken: eine digitale Lego Recycling Box. Die Idee war eine Kombination aus einer App und einer intelligenten Sortiermaschine. Monate später hatte ich immer noch keinen Plan, wie ich so ein Ding bauen sollte. Beim Versuch, ein Konzept zu Papier zu bringen, rührte sich meine Feder keinen Millimeter. Der Grund: Ein Knopfdruck auf die schnöde Recycling Box, und in Kinderzimmern sinkt die Freude am Entwickeln und Ausprobieren neuer Bauwerke.

Ernüchterung beim Nutzen der Digitalisierung

Überträgt man diesen Gedanken auf Lieferando, Snapchat, Uber und Co., bedeutet das: Vielen digitalen Projekten fehlt der herausragende gesellschaftliche Mehrwert – der den Stempel „disruptiv“ verdient. Digitalisierung nutzt in der Regel wenigen, meist denen die etwas Digitales produzieren, den Abnehmern dagegen nur marginal. Vieles ist gutgemeinte Spielerei. Der Ideenreichtum ließe sich aber viel besser nutzen. Digitalisierung kann mehr als Legosteine sortieren und per Knopfdruck Waschmittel nachbestellen.

Technologieeinsatz und Investoren in die richtige Richtung lenken

Besser wäre es doch, die Chancen der Digitalisierung in Investitionen und kreative Energie in die wirklich wichtigen Kanäle zu lenken. Beispiele sind der sensible Umgang mit der Endlichkeit fossiler Brennstoffe und anderer natürlicher Ressourcen sowie dem Aufhalten der Klimaerwärmung. Hier sind Unternehmen und Politik gemeinsam gefordert, Investoren, Technologieführer und Bürger auf einen grünen Pfad zu führen. Das kann auf unterschiedlichen Wegen geschehen.

Staaten als Enabler für Digitalisierung und Investitionen

Der Staat muss durch eine mutige Investitionspolitik die Nachfrage in vielversprechende ökologiefreundliche Entwicklungen entfachen. Dazu gehören das Sponsoring der Entwicklung von Schlüsseltechnologien sowie eine gründerfreundliche Regulierung des öffentlichen Kapitalmarktes. Digitale Unternehmensgründungen sollten erleichtert und bürokratische Hürden für das Crowdfunding abgebaut werden.

Steuern für Auslaufmodelle

Die Diskussion um die Kohlendioxid-Steuer und den Kohleabbau sollte neu und deutlich marktorientierter geführt werden. Es braucht zudem Anreize, die Finanzierung von umweltfreundlichen Geschäftsmodellen und Technologien gegenüber Investments in fossile Brennstoffe zu erleichtern.

Vorreiterrolle beim Technologieeinsatz

Die Umstellung staatlicher Fuhrparks auf Elektroautos oder selbstfahrende Autos wäre ein weiteres wichtiges Signal. Von Verkehrsinfarkten geplagte Kommunen sollten frei über sämtliche Verkehrsdaten verfügen können, um durch clevere Investitionen in Verkehrsleitsysteme die Lebensqualität ihrer Bürger zu erhöhen.

Digitale Potentiale für die Energiewende heben

Schon heute ist der Staat in der Pflicht, die gewaltigen Investitionen gegen den Klimawandel zu legitimieren. Dazu gehört aber auch die Förderung von nicht staatlichen grünen Projekten mit dem Ziel der Entwicklung von Schlüsseltechnologien. Diese sollten nachhaltig unterstützt werden – etwa in Form von Crowdfunding-Plattformen. Dadurch können Investoren als „Bürgerbeteiligung“ transparent und fair an der digitalen Wertschöpfung der Energiewende teilhaben. Investoren, die schon heute auf grüne Energien setzen, sind Vorreiter, Trendsetter und Early Adopters. Pioniere sind essentiell, um eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen.

Grün-disruptives Projektpotenzial gibt es überall

Ansätze gibt es viele, den Trend zur Digitalisierung in wertschöpfende Projekte mit gesellschaftspolitischer Relevanz zu leiten. Beispielsweise wenn sich die Anrainerstaaten der Weltmeere zusammentun, um gemeinsam ein Frühwarn- und Entsorgungssystem im Kampf gegen das Problem mit dem Plastikmüll zu entwickeln.

Mit cloudbasierten Energie- und Nachhaltigkeitsplattformen können Analyse- und Berichtsfunktionen für die effiziente Bewirtschaftung von Gebäuden verfügbar gemacht werden. Verkehrsunternehmen schließen sich zusammen, um noch stärker systemisch zu agieren und erschaffen durch die Verknüpfung von Strom-, Wärme- und Bewegungsdaten ein völlig neues digitales Potenzial für eine innovative Verkehrssteuerung.

Und warum nicht ein Beispiel am Hype um kleine virtueller Geister nehmen: Anstelle fleißig Pokémons zu sammeln, wäre „Green World Gaming“ die bessere, weil umweltfreundlichere Alternative. Hier gibt es Punkte für das Recycling von Abfällen aus Privathaushalten und öffentlichen Flächen. Diese lassen sich dann beispielsweise in Kick-back-Modelle á la Payback in reale Werte umwandeln und beim Supermarkt um die Ecke einlösen.

In Indien entwickelt beispielsweise ein Team von Softwareentwicklern eine integrierte Anwendung zur Früherkennung von Veränderungen der Wasserqualität in Ballungsgebieten. Digitale Werkzeuge und Sensoren übernehmen die Bestandsaufnahme, Kartografierung und Qualitätskontrolle der Abwässer von Unternehmen. Durch die Anbindung an eine Handelsplattform für Umweltzertifikate erschließen sich ökologiebewusste Unternehmen zusätzliche Einnahmequellen.

Matteo´s Augen leuchten wieder: In der Schule haben die Kinder vor ein paar Tagen über den Klimawandel gesprochen. Stolz zeigt er mir seine neue Lego-Kreation, ein modernes Fußballstadion, gesäumt von Tribünen mit Solarzellen und energiesparender Lichtsteuerung für die Zuschauerränge. Ja, so wird´s was mit einer sinnvollen Digitalisierung.

Foto: Getty Images / caracterdesign


Torsten Sämann

Torsten Sämann ist seit 2012 bei Sopra Steria Consulting und Experte für IT-Infrastrukturen und IT-Service-Management. Der studierte Wirtschaftsinformatiker hat sich auf das Zusammenspiel von Cloud Computing mit IT-Trendthemen spezialisiert.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.