Wie Digitalisierung hilft, den Gasmarkt in Deutschland zu vereinigen

Gasmarkt in Deutschland Getty Images

Der Tag der deutschen Einheit fällt in diesem Jahr auf den 1. Oktober – zumindest für den Gasmarkt. Dann wird aus den zwei Marktgebieten von Gaspool Balancing Services und NetConnect Germany eins: Trading Hub Europe. In diesem Vorhaben steckt eine gehörige Portion digitale Exzellenz, um Versorgungssicherheit und Wettbewerb im Energiemarkt zu verbessern.

Was kaum noch jemand weiß: Bis 1998 konnten Kunden ihr Erdgas nur bei dem Unternehmen kaufen, an dessen Leitungsnetz sie angeschlossen waren. Ein Wechsel zu einem anderen Netzbetreiber war extrem schwierig. Dann kam das so genannte Unbundling, das Netzbetrieb und Handel voneinander trennte. Zudem gibt es im Gasmarkt noch die Rolle des Marktgebietsverantwortlichen (MGV). Von diesen Marktgebieten gab es bis 2005 mehr als 20 an der Zahl. Die Fragmentierung war jedoch auf Dauer ineffizient, es kam somit zu Zusammenschlüssen. Seit 2011 überwachen die beiden MGV Gaspool und NetConnect den deutschen Gasmarkt – einer mehr im Osten und Norden, der andere im Westen und Süden.

Deutsches Gasmarktgebiet bis 30.09.2021. (Quelle: FNB Gas)

Auch heute ist Deutschland somit noch geteilt, zumindest gaswirtschaftlich betrachtet. Das heißt: Möchte man als Händler Gas durch Deutschland transportieren, muss man in der Regel in beiden Marktgebieten Verträge schließen. Genau das wird ab Oktober einfacher: Deutschland soll dann, analog zu den anderen europäischen Ländern, durch ein Marktgebiet repräsentiert werden: durch Trading Hub Europe (THE).

Marktgebiete sind vergleichbar mit Handelszonen. Sie vereinfachen den Handel und den Transport mit Gas. Transportkunden oder Energiehändler müssen Gas nur an den Marktgebietsgrenzen in Form von Kapazitäten kaufen oder verkaufen. Innerhalb eines Marktgebietes ist der Handel dann zwischen beliebigen Punkten ohne zusätzliche Abstimmungen möglich (Entry/Exit-Modell).

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=lXb71IRHc24

Vor dem Gas müssen die Daten vernünftig fließen

Da 1 m³ Gas in Abhängigkeit von verschiedenen externen Rahmenbedingungen (Druck, Temperatur, …) unterschiedlich viel Energie beinhaltet, reicht es nicht einfach aus, die Daten einmalig für jede Stunde zu übertragen, sondern viermal: einmal für den vergangenen Tag, einmal für den vergangenen Monat, einmal zur Abrechnung, und falls das nicht reicht, gibt es einen später laufenden Korrekturprozess.

Bevor nun alles einfacher und wirtschaftlicher wird, steht den Verantwortlichen bei THE und sämtlichen weiteren Markteilnehmern sowie ihren Helfern (uns übrigens auch) einiges an Arbeit bevor, beispielsweise im Datenmanagement.

Dieser Steuerungsprozess der Gasversorgung, auch Dispatching genannt, ist bislang für zwei Gebiete optimiert. Die Zusammenlegung der 15 Transportnetze erfordert mehr als 300 neue Schnittstellen, damit alle Datenströme bei THE optimal zusammenlaufen und der Marktgebietsverantwortliche die Übersicht über die Gesamtsituation behält.

Digitale Exzellenz sorgt für freien Handel

Die technische Herausforderung besteht darin, dass alle Daten nun in der gleichen Zeit für ganz Deutschland vorliegen müssen. Hinzu kommt eine fachliche Herausforderung. Sie besteht darin, den Handel im neuen Marktgebiet nicht zu hemmen. Denn: Es gibt nur eine begrenzte Zahl physischer Übergabepunkte zwischen den beiden heutigen Marktgebieten. Durch dieses Nadelöhr können Händler das Gas theoretisch nicht derart frei handeln wie gewünscht. Zur Verdeutlichung ein Beispiel:

Zwei Konzertveranstalter (die beiden heutigen MGV) haben jeweils 3 Konzerthallen (‚Ein‐ und Ausspeisepunkte‘) mit jeweils 1.000 Plätzen (‚Kapazität‘) zur Verfügung. Wollen sie am jeweiligen Eingang Karten mit garantiert freier Veranstaltungswahl verkaufen (‚freie Zuordenbarkeit), können beide trotz der insgesamt 6.000 vorhanden Plätze nur jeweils 1.000 Karten an die Frau oder den Mann bringen. Der Grund: Sie müssen damit rechnen, dass alle Kunden an derselben Veranstaltung in derselben Konzerthalle teilnehmen wollen. Mehr noch: Schließen sich nun die beiden Konzertveranstalter zu einem Marktgebiet zusammen, vergrößert sich der Engpass. Sie können nur noch 1.000 Karten verkaufen, die buchbare Kapazität reduziert sich folglich von 2.000 auf 1.000.

Im Vorfeld des Gasmarkt-Mergers wurde diese Situation von den Verantwortlichen erkannt. Statt eines extrem teuren Netzausbaus wurde eine weitere Festlegung auf den Weg gebracht, KAP+ genannt.  Dahinter verbirgt sich ein komplexes Überbuchungs-  und Rückkaufsystem, mit dem THE das Marktgebiet künftig nicht nur überwacht, sondern aktiv steuert.

Die Zusammenlegung von Gaspool Balancing Services und NetConnect Germany wird somit zum Kraftakt für alle Beteiligten. Es muss nicht nur einfach ein neues System zur Steuerung implementiert werden. Zudem müssen unzählige Datenflüsse neu etabliert werden. Die Prozesse müssen stündlich, teilweise für einzelne Stunden mehrfach durchlaufen werden. Die Gasbranche investiert dafür massiv in digitale Infrastruktur, Hardware, Know-how und Services, um pünktlich am 01.10.2021 fertig zu sein. 

Abseits von Nordstream 2 passiert also jede Menge mehr auf dem Gasmarkt in Deutschland. Es zeigt sich darüber hinaus, dass auch die als behäbig geltende Branchen wie die Energieversorger massiv auf Digitalisierung setzen, um den Anschluss an die Zukunft nicht zu verlieren.


Mehr Informationen erwünscht? Wer sich zu dem Projekt und der Herausforderung Gasmarktzusammenlegung näher informieren oder sich austauschen möchte, spricht uns einfach an. Wir sind durch eine eigene Beteiligung an diesem Vorhaben und einige Lösungen unserer GAS-X Suite recht nah dran am Geschehen.


Foto: Getty Images / Talaj


Alexander Morich

Alexander Morich ist Berater im Geschäftsbereich Industries von Sopra Steria. Er unterstützt Fernleitungsnetzbetreiber durch Produktberatung und Systemintegration. Er bloggt über die Digitalisierung in der Energiewirtschaft.


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