Der Wettlauf um die digitale Identität

Der Wettlauf um die digitale Identität
Sopra Steria
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Das Leben findet zunehmend digital statt. Die Folge: Wir müssen uns immer häufiger online ausweisen. Unternehmen und Forschungseinrichtungen arbeiten daher weltweit an sicheren Lösungen für eine digitale Identität. Sie bringt mehr Komfort, schafft Vertrauen und kann sogar finanzielle Inklusion unterstützen.

Fast eine Milliarde Frauen haben keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen – und damit keine Möglichkeit, ihr Geld zu schützen oder auf Versicherungen und Kredite und Sozialleistungen zuzugreifen. Einer der Hauptgründe dafür: das Fehlen legaler Dokumente. Das irische Start-up AID:Tech will helfen, das zu ändern. Das Unternehmen entwickelt basierend auf einer Blockchain-Lösung digitale Identitäten für Menschen, die über keinen Ausweis verfügen. Sie erhalten so Zugang beispielsweise zu Krediten oder auch Hilfsgeldern, die sich andernfalls nicht auszahlen ließen.

Das irische Start-up ist nur ein Beispiel von vielen. Weltweit arbeiten Unternehmen und Forschungsinstitute mit Hochdruck an der Entwicklung digitaler Identitäten, an der Etablierung von Standards und dem Aufbau entsprechender Plattformen und Ökosysteme. Die Coronakrise treibt die Entwicklung zusätzlich voran: Durch die Folgen der Pandemie, beispielsweise Kontaktbeschränkungen, verlagern sich Alltagstätigkeiten in die Onlinewelt. Das macht digitale Nachweise der eigenen Identität notwendig.

Es gibt auch diverse Dienste, die Nutzer online identifizieren und die Echtheit der Identität verifizieren – wir kennen beispielsweise das Hochladen des Führerscheins beim Carsharing oder das Video-Ident-Verfahren, um ein Bankkonto zu eröffnen. Im Landkreis Altötting können gegen Corona Geimpfte ihre Impfung per Smartphone nachweisen.

Diese Verfahren sind allerdings vergleichsweise aufwendig, wenn es nur darum geht, schnell und einmalig Produkte oder Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Gefragt sind also Möglichkeiten, die verifizierten Daten jederzeit virtuell vorzeigen und nutzen zu können. Eine digitale Identität integriert somit all diese Einzellösungen.

Blockchain beschützt digitale Identitäten

An einer solchen Identität wird an verschiedenen Stellen gearbeitet: In Frankfurt tüftelt beispielsweise das Start-up Blockhain Helix an einer übergreifenden Lösung. Anwender laden sich eine App herunter, registrieren sich einmalig über die Helix-Website und verifizieren ihre Daten. Im Ergebnis erhalten sie eine digitale Identität – die „Helix ID“. Hinterlegte Daten werden nur mit Zustimmung an Dritte weitergegeben. Durch den Einsatz der fälschungssicheren Blockchain lässt sich die Identität des jeweiligen Nutzers bei Bedarf bestätigen. Geschäftspartner von Helix können die Helix ID wiederum als integrierte Lösung nutzen und beispielsweise Know-Your-Customer-Prozesse auslagern.

Bereits seit einigen Jahren aktiv ist Verimi. Hinter dem Joint-Venture stehen renommierte Konzerne wie die Allianz, Axel Springer, Daimler, Deutsche Bank, sowie Samsung und Volkswagen sowie als öffentlicher Partner die Bundesdruckerei. Das Unternehmen bietet Nutzern mit dem Verimi-Login Zugang zu einer Plattform, auf der sie persönliche Daten wie Adressen sowie Zugänge zu angeschlossenen Plattformen wie einer Bank hinterlegen und diese flexibel einsetzen können – beispielsweise für verschiedene Online-Dienstleistungen. Verimi ermöglicht es darüber hinaus, Verträge zentral zu verwalten.

Verimi wie auch Blockchain Helix sind Mitglieder des Verbands Sichere Digitale Identität, dem neben mehreren Fraunhofer Instituten und der Freien Universität Berlin auch die Bundesdruckerei angehört. Denn der Staat – traditionell Herausgeber von Identitäten mit dem höchsten Vertrauensniveau – hat die Relevanz und die Notwendigkeit digitaler Identitäten erkannt und sieht sich in der Pflicht, in diesem Feld selbst aktiv zu sein.

Viele Initiativen in der EU

Ein Knackpunkt ist, Standards zu etablieren und Lösungen mit einer kritischen Masse an Anwendern auf den Weg zu bringen. Die EU hat mit der eIDAS europaweite Regelungen für den Einsatz von Vertrauensdiensten und elektronischen Identifizierungen einige rechtliche Leitplanken definiert. Ziel ist, dass EU-Bürgerinnen und -Bürger sich bei überall in der Gemeinschaft bei Behörden digital ausweisen können. Zudem enthält die Richtlinie ein Stufensystem. Es regelt, welches Sicherheitsniveau bestimmte Anwendungen haben müssen.

Auf nationaler Ebene fördert das Bundesministerium für Wirtschaft neue offene, interoperable und einfach anzuwendende ID-Ökosysteme mit dem Innovationswettbewerb „Schaufenster Sichere Digitale Identitäten“. Die Gewinnerkonzepte werden in Modellregionen erprobt. In einer ersten Wettbewerbsphase wurden zehn Umsetzungskonzepte erarbeitet. Ab April 2021 folgt die Umsetzungsphase und läuft bis 2024.

Neben Deutschland haben auch nahezu alle anderen europäischen Länder eigene digitale Identitätslösungen auf den Weg gebracht oder planen dies zeitnah. Die skandinavischen Länder gelten als Vorreiter. Dänemark forciert die Entwicklung beispielsweise, indem die Kommunikation von Bürgern mit Behörden standardmäßig digital erfolgt. 90 Prozent der Bevölkerung sollen so inzwischen fast täglich die sogenannte NEM ID nutzen. In Frankreich soll künftig die App „Alicem“ Bürgern den sicheren Zugang zur Leistungen der öffentlichen Verwaltung ermöglichen. Die Technologie ist allerdings umstritten, weil sie mit Gesichtserkennungssoftware arbeitet und viele Bürger eine Missbrauch befürchten, beispielsweise für eine Überwachung.

Herantasten aus mehreren Richtungen

Auf der internationalen Bühne treiben darüber hinaus verschiedene Allianzen aus Universitäten und Wirtschaftsunternehmen die Entwicklung von Lösungen zum Einsatz einer digitalen Identität voran. So soll zum Beispiel Reisen ohne Papiere möglich werden. Voraussetzung ist, dass Reisende freiwillig biometrischen Daten für eine Gesichtserkennung und persönliche Informationen zur Verfügung stellen – dazu gehört auch die Reisehistorie sowie die Kreditkartennutzung.

Die einzelnen Initiativen zeigen: Unterschiedliche Player tasten sich aus unterschiedlichen Richtungen an das Thema digitale Identitäten heran. Der Reiz liegt sicherlich darin, diese Einzellösungen irgendwann auf einer Plattform zusammenzuführen, so dass Bürgerinnen und Bürger private und staatliche Online-Zugänge und persönliche Daten aus einer Lösung heraus managen und freigeben können. Dafür müssen viele Fragen beantwortet werden – sowohl zur Zuständigkeit als auch zur Sicherheit.

Unklar ist in diesem Zusammenhang, wer künftig digitale Identitäten verwalten und als so genannter Trusted Partner auftreten darf, entweder nur staatliche Stellen oder auch private Anbieter mit einer entsprechenden Zertifizierung.

Unklar ist zudem, ob es langfristig eine zentrale digitale Identität von Geburt an geben wird und geben sollte, die gleichzeitig als Generalschlüssel für die Nutzung von Online-Plattformen jeglicher Art fungiert. Eine solche zentrale Datenbank für sensible persönliche Informationen müsste entsprechend stark gesichert sein. Zudem sollte sämtliche Transaktionen und Änderungen an den Daten transparent sein und die Nutzung, also das Auffüllen der Identitäts-Datenbank, sollte immer freiwillig sein.


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Foto: Getty Images / Oscar Wong


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