Versicherer 2023: Raus aus den technischen Schulden

Technische Schulden Versicherer

Sechs von zehn Versicherern in Deutschland arbeiten am Wechsel zu Cloud Computing, zeigt unser Branchenkompass Insurance 2021. Dabei geht es auch darum, mehr Druck auf den Innovationskessel zu bekommen. Derzeit ist die Branche stark gehemmt unterwegs. Der Grund: Die Versicherer geben viel Geld für die Wartung von Code aus, der eigentlich reif für den Ruhestand wäre. 

Der technische Schuldendienst ist bei US-Firmen, zusammen mit den regulären IT-Betriebsausgaben, etwa doppelt so groß wie das Budget für Innovationen, haben die Kollegen von Outsystems erforscht. Das Verhältnis lässt sich durchaus auf die Lage der Versicherer in Deutschland übertragen.

Was könnten die Assekuranzen alles auf die Beine stellen, stünden die Ausgaben zu einem großen Teil für das Entwickeln der Geschäftsmodelle, Tarife und Prozesse von morgen zur Verfügung? Zum Beispiel jeden Tag eine neue Innovation auf den Markt bringen, wie es Dr. Matthias Uebing, Gründer des Neoversicherers mailo im Interview zur Studie konstatiert.

Die Innovationsfrage scheinen sich nun endlich immer mehr Manager der Traditionsversicherer nicht nur zu stellen. Der wahrscheinlich seit den 1990er Jahren angekündigte Abschied von den Legacy-Rechnern nimmt tatsächlich Gestalt an. 40 Prozent der Unternehmen stecken in aktuellen Projekten, um die alten Bestandsführungssysteme abzulösen. Das sind fast doppelt so viele wie bei unserer Befragung von 2019.

Grafik aus dem Branchenkompass Insurance 2021 von Sopra Steria

Cloud Computing ist aus Sicht der meisten Versicherer der optimale Nachfolger für die alte Mainframe-Garde. Cloud-Umgebungen und Software as a Service gelten nach langer Zurückhaltung nun als Schlüssel, um Technologien wie Künstliche Intelligenz, Prozessautomatisierung (RPA) und Blockchain in Leistungen für Kunden und in effiziente Prozesse umzumünzen.

Ein reines Replatforming sowie Mainframe-to-Cloud-Ansätze bergen allerdings das Risiko, alte IT-Zöpfe nicht abzuschneiden, sondern lediglich zu entwirren. Damit kommen die Versicherer nicht wirklich runter von ihren technischen Schulden. Eine gehörige Portion Lizenz- und Betriebskosten würde die Versicherer zwar einsparen, die Innovationsausbeute würde sich dennoch eher in Grenzen halten.

Das IT-Personal wird weiterhin viel Zeit und Expertise für Anpassungen und für das Bearbeiten von Integrations-Tickets aufbringen, anstatt mit den Fachbereichen und Business Developern innovative Versicherungs-Apps, kundenzentrierte Schaden- und Leistungsprozesse sowie intelligente Datenauswertungen zu kreieren. In diesem Szenario würden Versicherer ihre IT-Cracks zwar beauftragen, KI-Lösungen für die Automatisierung von Dateneingaben zu entwickeln. Zeit für die Entwicklung einer KI-unterstützten Betrugserkennung bliebe weiterhin knapp.

Technische Entschuldung abseits der IT-Modernisierung

Das muss nicht so kommen: In einem anderen Szenario würden Versicherer Geschäftsprozesse weniger in die eigenen IT-Systeme integrieren, sondern diese direkt bei Plattformen einkaufen. Derartige Cloud-Computing-Strategien erfordern mehr Mut, haben aber den Vorteil, dass man sich auf das Kerngeschäft fokussieren kann.

Versicherer sollten zudem die technische Entschuldung weiterdenken – über die Modernisierung der Infrastruktur hinaus. Es geht unter anderem darum, organisatorisch neu zu bauen. Dazu gehört beispielsweise, interne Plattformen zu errichten, auf denen Entwickler, Aktuare und Vertriebler schnell anpassbare Prozesse und Lösungen entwickeln, mit denen der Außendienst wiederum bei den Kunden immer wieder neu punkten kann.

Eine technisch entschuldende Wirkung entfaltet außerdem eine passende Ausstattung mit Werkzeugen und Prozessen, die Mitarbeitende unterstützen, ihre Arbeit zu machen und Ideen einzubringen. Dieser digitale Wohlfühleffekt ist nicht zu unterschätzen, wenn man innovativer werden möchte.

Quick wins in Big wins verwandeln

Es bleibt deshalb zu hoffen, dass sich Versicherer nicht auf einer „Aus Legacy-wird-Cloud“-Strategie ausruhen. Sie sollten die finanzielle Luft und die erkaufte Zeit nutzen, damit aus Quick wins Big wins werden und die Branche dauerhaft aus den technischen Schulden herauszukommt.


Den Branchenkompass Insurance 2021 kann man bestellen. Die Studie ist gefüllt mit Zahlen und Fakten zur Versicherungsbranche sowie Stimmen aus der Praxis. Im Auftrag von Sopra Steria und F.A.Z.-Institut wurden im April 2021 insgesamt 108 Führungskräfte aus der Versicherungsbranche online befragt. Die Studie enthält zudem Experteninterviews mit:

  • Michael Diener, Vorstandsmitglied der Neuen Rechtsschutz-Versicherungsgesellschaft (NRV),
  • Dr. Matthias Uebing, Gründer und Vorstand der mailo Versicherung
  • Guido Leber, Bereichsleiter für die Konzern- und Unternehmensstrategie der ALH Gruppe.

Foto: Getty Images / Dilok Klaisataporn


Nils Stölken

Nils Stölken verantwortet den Geschäftsbereich Insurance. Er ist zugleich Mitglied der Geschäftsleitung von Sopra Steria und Geschäftsführer unserer Tochtergesellschaft ISS Software, einem führenden Softwareanbieter für Versicherer.


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