Telematik: Der Krankenversicherer als digitaler Bodyguard

Telematik in der Krankenversicherung
Marco Lange
durch

Über Telematik in der Krankenversicherung wird derzeit kontrovers diskutiert. Enthusiasten loben das enorme Potenzial von Pay-as-you-live-Tarifen. PAYL-Skeptiker sehen darin den Abschied vom Solidarprinzip der Versichertengemeinschaft. Abseits der Debatte gibt es allerdings ein Einsatzfeld mit enormem Potenzial für Data Analytics: die Prävention. Krankenversicherer können sich mit Hilfe von Big Data zu Lagezentren für gesundheitliche Frühwarnung entwickeln und so helfen, Behandlungskosten zu vermeiden.

Ziel ist ein Paradigmenwechsel – das bedeutet es geht nicht mehr nur darum, die eigentliche Krankheit zu verwalten, sondern sich durch Prävention als Gesundheitspartner zu etablieren. Gleichzeitig sinken die Gesundheitskosten, wenn Menschen seltener zum Arzt gehen müssen. Derartige Analytics-Anwendungsgebiete gehen weit über Belohnungssysteme durch das Zählen von Schritten und Ernährungs-Tracking hinaus. Die Zahl der Datenquellen ist deutlich umfassender, die Analysemodelle erheblich komplexer und der Nutzen direkter erlebbar.

Persönliches Frühwarnzentrum als App

Ein mögliches Anwendungsszenario für Telematik in Krankenversicherung: Ein Versicherter erhält einen digitalen Bodyguard als App auf sein Smartphone, der ihn vor akuten Gesundheitsrisiken um ihn herum warnt und Gegenmaßen vorschlägt. Voraussetzung ist die datenschutzkonforme Auswertung anonymisierter Vitaldaten. Ab einer bestimmten Masse an Informationen lassen sich Häufungen bestimmter Krankheiten wie Salmonellen und Grippe erkennen. Krankenversicherer können ihre Kunden in der betroffenen Region auf diese Weise frühzeitig über eine App warnen und Verhaltenstipps geben. Angereichert durch Geo-Daten lässt sich so ein Frühwarnungsservice auf andere Risiken wie Unfallgefahren bei aufkommenden Unwettern ausdehnen.

Mit weiteren Analytics-Anwendungen können Krankenversicherer aus Verlaufsmustern auf Basis freiwillig preisgegebener Daten automatisiert Ratschläge ableiten – etwa nach der bewährten Art: „Anderen Patienten mit ähnlichen Symptomen hat folgendes geholfen…“. Mit wachsendem Informationspool würde sich die App einer Krankenkasse auf diese Weise in eine digitale Anlaufstelle für alle Fragen rund um die Gesundheit der Versicherten verwandeln – verlässlicher und persönlicher als „Dr. Google“.

Geringere Behandlungskosten durch Alarmsensoren im Körper

Vorstellbar wäre ein noch deutlich kleinteiligerer Ansatz, und zwar mit Mikrosensoren im Körper. Injiziert in die Blutbahn, können sie noch mehr medizinisch relevante Daten an Ärzte und Versicherer funken. Die Sensoren könnten beispielsweise den Hormonstatus oder auch die Zellbildung kontrollieren. Ein beginnender Tumor ließe sich somit bereits in einem sehr frühen Stadium quasi automatisch erkennen. Dem Betroffenen blieben unter Umständen schwerwiegende Chemotherapien und die damit verbundene Beeinträchtigung seiner Lebensqualität erspart. Die Versichertengemeinschaft wiederum würde durch den Wegfall der dadurch verursachten Behandlungskosten profitieren.

Die Zurückhaltung der Krankenversicherer beim Thema Telematik bröckelt allmählich. Erste Privatversicherer erheben bereits mit dem Einverständnis der Betroffenen biometrische Daten per Fitness-Armband für Bonus-Angebote. Gesetzliche Krankenkassen arbeiten an ähnlichen Programmen, mit denen sie Versicherte zu mehr Sport und einer gesünderen Lebensweise animieren wollen. Laut dem aktuellen Branchenkompass Insurance von Sopra Steria Consulting wollen sich 43 Prozent der Versicherungen in Deutschland im Bereich Biometrie engagieren.

Das Ganze funktioniert sowieso nur, wenn die Versicherten mitmachen. Die grundsätzliche Bereitschaft in der Bevölkerung in Deutschland, Daten selbst zu erfassen und zu teilen, ist durchaus vorhanden. Die Zustimmung bezieht sich allerdings vor allem auf das heute schon übliche Tracking über Fitness-Armbänder und -Uhren. Inwieweit sie einer Komplettvermessung ihres Körper und ihres Verhaltens zu Gesundheitszwecken zustimmen werden, hängt stark vom Gegenwert ab, vom Aufwand für die Messung, noch mehr allerdings vom Vertrauen, dass ihre Daten gut aufgehoben sind. Der zentrale Faktor für mehr Akzeptanz ist absolute Transparenz in Bezug auf die Nutzung persönlicher Daten.

Foto: Getty Images / Martin Barraud


Marco Lange

Marco Lange ist Berater für Versicherungsprozesse bei Sopra Steria Consulting. Der studierte Volkswirt beschäftigt sich mit der digitalen Transformation von Versicherungen und die Etablierung von kontextbasierten Versicherungsprodukten.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.