E-Textilien – der „Stoff“ aus dem die Digitalisierung ist

Roboterhände halten Fäden

Digitale Hemdärmel, schlaue Jacke oder innovative Kniebandagen: Die Digitalisierung durchdringt Schritt für Schritt alle Branchen und macht auch vor der Textilindustrie nicht halt. Smart Textiles oder E-Textiles werden die klugen Kleidungsstücke und Stoffe genannt, die noch ein Nischendasein führen, aber schon bald die Branche revolutionieren könnten.

Das Geschäft mit E-Textiles oder Smart Textiles nimmt weltweit Fahrt auf. Auch in Deutschland gibt es kluge Köpfe, die mit smarten Stoffen arbeiten, wie unser Fundstück auf t3n zeigt. In Berlin haben sich beispielsweise zwei Schneiderinnen zusammengetan, um innovative Kleidungsstücke zu kreieren. Der Clou: Die beiden E-Schneiderinnen arbeiten nicht mit herkömmlichem Garn. Bei ihnen kommen stattdessen Fäden zum Einsatz, die Strom leiten können. Dadurch lässt sich Mode ganz neu in Szene setzen. So haben die beiden beispielsweise einen Bolero entwickelt, der leuchtet, sobald Musik erklingt. Die verarbeitete Elektronik in den Rüschen reagiert auf Geräusche.

Mit ihrer Idee sind die beiden Berlinerinnen nicht alleine. Auch große Tech-Giganten und Modelabels tummeln sich auf dem E-Textil-Markt. Google und Levis haben in ihrem gemeinsamen Projekt „Jacquard“ zum Beispiel eine smarte Jeans-Jacke entwickelt. Zielgruppe ihres Wearables sind vor allem Berufstätige, die gerne mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen und sich über die Jacke durch den Verkehr navigieren lassen wollen. Das Smartphone bleibt in der Tasche, via Bluetooth ist es mit der Jacke verbunden. Über Wisch- oder Klopfgesten an der Manschette lassen sich die verschiedenen Funktionen bedienen und starten. Die Jacke eignet sich aber nicht nur zum Navigieren. Auch Musik auswählen und Telefonate annehmen ist damit möglich. Eine Schnittstelle zu den Ridesharing-Anbietern Uber und Lyft ist ebenfalls eingebaut. Ziemlich smart, doch einen Haken hat das Produkt: Mehr als zehn Mal sollte die Jacke nicht gewaschen werden.

Auch Marken wie Adidas und Nike sind ins E-Textiles-Geschäft eingestiegen. Sie entwickeln schon seit mehreren Jahren Laufschuhe, die sich dem Laufstil des Trägers anpassen. Ralph Lauren bietet Sportkleidung an, die die Vitaldaten seines Trägers misst. Im Gegensatz zu den Sportartikelherstellern setzt zum Beispiel der Elektronikkonzern Panasonic nicht auf Wearables, sondern auf Kleiderbügel, die mithilfe von Wassertropfen Gerüche neutralisieren.

Digitale Spielerei mit viel Potenzial

Neben Spielereien wie navigierende Jacken können die digitalen Textilien auch in der Pflege, Prävention oder Rehabilitation eingesetzt werden – und dort einen Unterschied machen.

Im Altersheim sind beispielsweise Teppiche denkbar, die ein Signal übermitteln, falls ein Bewohner stürzt. Smarte Verbände sind in der Pflege ebenfalls möglich und hilfreich. Diese können den Ärzten Informationen über den Heilungsgrad der Wunde liefern. Eine Jacke mit eingewebten Schaltkreisen soll in Zukunft über das Smartphone eine Notfallnummer anrufen, sobald sich der Träger ans Herz fasst oder am Ärmel zieht.

Zudem arbeiten Forscher des Frauenhofer IZM gemeinsam mit deutschen und belgischen Unternehmen und Forschern am BMWi geförderten Projekt Motex, was für Monitoring Textiles steht. Hinter Motex verbergen sich intelligente Kniebandagen. Mithilfe der Bandage können zwei verschiedene Kniewinkel in Echtzeit gemessen und direkt an das Smartphone weitergeleitet werden.  Die Bandgagen aus Textil lassen sich besonders stark dehnen und trotzdem sehr genau auslesen. Eingesetzt wird der intelligente Helfer aktuell hauptsächlich nach Knie-OPs, bei denen Patienten ein künstliches Gelenk bekommen haben. Die Patienten erhalten auf ihr Handy das Feedback und zusätzliche Reha-Videos, auf denen sie Übungen gezeigt bekommen. Zudem werden die Daten des Systems in die Cloud geladen, sodass das Pflegepersonal die Werte ebenfalls abrufen kann. Ein ähnliches Konzept, MoTex4Health, wurde für Rückenbeschwerden konzipiert.

Durch alle Branchen hinweg

Eine Vielzahl der Erfindungen stammt ursprünglich aus dem Militär, aber auch für Feuerwehr und THW wurden Kleidungsstücke schon vor einigen Jahren für den Katastropheneinsatz entwickelt, zum Beispiel integrierte Computer in Kleidungsstücken, die Informationen über Giftstoffe auf das Handgelenk liefern. Heutzutage werden smarte Textilien für viele Branchen immer wichtiger – einige sind sogar auf sie angewiesen. Die aktuelle Entwicklung ist erst der Anfang, denn die Anwendungsgebiete sind vielfältig. Vor allem im medizinischen Telematik-Bereich gibt es für die digitalen Helfer ein großes Einsatzspektrum. Aber auch im Sport, der Fashionwelt sowie im Automotive-Sektor können digitale Stoffe zu Wachstumstreibern werden. In den kommenden drei Jahren rechnen Forscher mit einem Umsatzanstieg auf 700 Millionen Euro alleine in Deutschland. Weltweit wird sich der Umsatz von smarten Stoffen auf geschätzte fünf Milliarden Euro belaufen.

Inwieweit die Wachstumserwartungen tatsächlich eintreten, muss sich noch zeigen. Wichtig für die Geschäftsmodelle, die Anbieter und Investoren ist, das Thema Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Angesichts der aktuellen Sensibilisierung bei Verbrauchern für klimaschonende und müllvermeidende Produkte, bieten sich E-Textile-Konzepte an, die das Thema Recycling und Ressourcenschonung gleich mitdenken. So wie die Berliner E-Schneiderinnen, die nur auf Anfrage Einzelteile kreieren.

Foto: Getty Images / Westend61



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