Testing 4.0: Sachbearbeiter als Testingenieur einbinden

Testmanagement

Je digitaler die Versicherungswirtschaft, desto wichtiger wird das Testen der eingesetzten und neu entwickelten IT. Zeit also, das Testmanagement aufzuwerten sowie Fach- und IT-Seite näher zusammenzubringen. Dafür benötigen Versicherer einen neuen Ansatz, bei dem vorhandenes fachliches Know-how in die IT-Tests einfließt. Sie brauchen ein Testing 4.0.

IT-Projekte enden aus vielerlei Gründen nicht erfolgreich: Ein gravierender ist, dass neue Software und digitale Prozesse nicht ausreichend getestet werden oder nicht getestet werden können. Auch dafür gibt es Ursachen, die jeder Testmanager kennt:

  • Die Entwicklung immer kürzerer Release-Zyklen führt dazu, dass Testzeiten und Budgets zu knapp bemessen werden und die Zeitfenster für Testvorbereitungen teilweise ganz außen vor bleiben.
  • Tests und Testplanung stehen zwar im Projektplan. Die Zeit wird dann aber für andere Arbeiten verwendet.
    Die Versicherungsbranche schätzt den Anteil der Tests am Projektumfang auf 15 bis 20 Prozent. Wenn dieses Budget wirklich für das Testen eingesetzt wird und nicht nur als planerische Größe auftaucht und später zum Schließen anderer Lücken benutzt wird, bestehen beste Chancen, mehr IT-Projekte erfolgreich abzuwickeln.

Doch dafür benötigen Versicherer einen breiten Schulterschluss im Unternehmen, auf neudeutsch ein Commitment. Das umfassende Testen digitaler Produkte und Abläufe ist nicht verhandelbar, sonst laufen die Kunden weg. Die Versicherer sollten die für das Testing reservierte Zeit auch zum Testen nutzen und nicht für das Schließen von Engpässen während der Entwicklung verwenden.

Darüber hinaus ist eine Reorganisation im Testmanagement erforderlich: Es ist wichtig, die Testarbeit auf noch mehr Personen zu verteilen und die richtigen Menschen am Testvorgang zu beteiligen. Denn häufig scheitern IT-Projekte nicht nur an der schieren Menge der zu testenden Objekte, sondern auch am mangelnden Tiefenverständnis der zu testenden Geschäftsprozesse.

Gute Beispiele dafür sind gesetzliche oder regulatorische Anpassungen. Nehmen wir IDD oder EU DSGVO, beides Themen, die die Prozesse der Versicherer erheblich verändern – Veränderungen an der User-Oberfläche und Auswirkungen auf Schnittstellen spielen da eine Rolle. Ein Sachbearbeiter weiß, wie sich die Vorschriften im fachlichen Tagesgeschäft auswirken. Ein Entwickler dagegen ist oft nur auf einzelne Teile der IT-Anwendung fokussiert. Er gestaltet beispielsweise die Masken an der Oberfläche, und andere Entwickler kümmern sich um die Verarbeitung in den Backend-Systemen. Wieder andere Entwickler programmieren die Output-Dokumente. Eine revisionssichere Umsetzung und eine effiziente Integration regulatorischer Vorschriften in die bestehenden Prozesse und IT-Landschaft erfordert allerdings eine Gesamtsicht.

Testing 4.0 Sachbearbeiter als Testingenieur qualifizieren und die richtigen Schritte vorausschauend vorantreiben

Es ist unrealistisch, IT-Tester durch Fachschulungen mit dem nötigen Wissen auszustatten. Umgekehrt wird eher ein Schuh draus: Warum nicht das Know-how der Sachbearbeiter aus den Fachabteilungen für das Testen von IT und Prozessen nutzen oder diese in die gängigen Testmethodiken einarbeiten? Testmanager und Sachbearbeiter erarbeiten beispielsweise als Tandem einen Testplan und seine Inhalte. Ein Sachbearbeiter kann aus seiner täglichen Arbeit genau sagen, wie komplex die Abläufe sind, welche IT-Systeme und weitere Prozesse betroffen sind und wie schwer sich IT-Fehler einer neuen Software im Betrieb auswirken. Sein Know-how ist damit Gold wert, um das Testen erfolgreicher und effizienter zu gestalten.

Ein angelernter Testingenieur aus einer Fachabteilung kann zudem relativ schnell mit einfachen Tests vertraut gemacht werden oder eine mögliche Testvorbereitung für neu anstehende Themen übernehmen. Eine sehr gute Unterstützung kann der Sachbearbeiter darüber hinaus im Bereich der Regressionstests beisteuern. Durch das regressive Testen der Anwendungen sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich neue Fehler in den bereits eingeführten Softwarecode eingeschlichen haben und die Testabdeckung des gesamten Systems wird auf breite Stützen gestellt. Die vom Sachbearbeiter erlernten Testmethoden und Testdesigns können während des regressiven Tests eine Basis schaffen, um die Tests künftig durch eine Automatisierung abarbeiten lassen zu können. Ein weiterer Vorteil!

Ein zusätzlicher Mehrwert: Sachbearbeiter können die Testschritte in der Praxis bewerten, die richtigen Testszenarien auswählen und klassifizieren. Das Feedback können die Testverantwortlichen wiederum für eine Effizienzsteigerung im Testmanagement nutzen.

To-do für die Versicherer

Es ist sicher nicht so, dass Sachbearbeiter nur darauf warten zusätzliche Arbeit auf den Tisch zu bekommen, um sofort loslegen zu können. Es muss klar sein, dass das Einbinden der Fachkollegen in IT-Tests mit organisatorischen Maßnahmen und einigem Initialaufwand verbunden ist:

Unternehmenskultur
Bewusstsein und Akzeptanz bei Sachbearbeitern und ihren Führungskräften herstellen, dass IT-Arbeit und Testing in Zeiten der Digitalisierung wertvoll für das Unternehmen ist und die neuen Aufgaben keine On-top-Arbeit bedeuten.

Organisation
Die Arbeit der Sachbearbeiter und der aktuellen Testmanager muss umstrukturiert werden. Es gilt, die Prozesse so umzubauen, dass Sachbearbeiter im laufenden Tagesgeschäft nicht gestört und trotzdem an den IT-Tests mitwirken können.

Change Management
Nicht jeder Sachbearbeiter ist der geborene Testingenieur. Job-Anforderungsprofile helfen beim internen Recruiting. Zudem sind Schulungen für das Erlernen neuer Software wie Excel, JIRA, HP-ALM, etc. sowie einiger Testmethoden erforderlich. Mittelfristig sollten Versicherer Sachbearbeiter zum selbstständig agierenden Testingenieur schulen. Ein Sachbearbeiter ist auf sein Fachgebiet fokussiert, ein Testingenieur blickt über den Tellerrand hinaus.

Digitalisierung erhöht den Druck

Die Idee, dass IT- und Fachseite enger zusammenrücken ist nicht neu. Business IT Alignment wird schon seit längerer Zeit von Experten eingefordert. An diesem konkreten Fall Testmanagement wird deutlich, dass der Druck steigt. Denn mit jedem Digitalisierungsschritt steigt die Relevanz der IT für den geschäftlichen Erfolg und damit die Relevanz fehlerfreier Software. Kunden werden digitale Lösungen dann würdigen, wenn sie ein Ergebnis aus fachlicher und technischer Expertise sind.

Foto: Getty Images / Razvan Chisu / EyeEm


Christoph Jimenez-Ramos

Christoph Jimenez-Ramos verantwortet das Thema Testmanagement im Bereich Insurance bei Sopra Steria Consulting. Sein Spezialgebiet ist der Aufbau eines ganzheitlichen Testmanagements.


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