Einordnen statt Aufmucken: So wird Blockchain Teil der Plattformgemeinde

Blockchain Teil der Plattformökonomie

Die dezentrale Distributed Ledger Technology (DLT) oder Blockchain sowie zentrale digitale Plattformen. Sind das Konkurrenten um die künftige Vorherrschaft der Plattformökonomie? Das ist der falsche Ansatz. Beide Konzepte haben ihre Berechtigung – je nach Anwendungsfall sogar als Duo. DLT hat beispielsweise gute Chancen auf eine digital exzellente Karriere als Schlüsseltechnologie im klassischen Plattformuniversum – zum Beispiel für sicher dokumentierte Transaktionen und Zahlungsabwicklung.

Blockchain gilt häufig als Gegenentwurf zur zentralen Plattform, die für Vertrauen sorgt und die nötigen Prozesse für die teilnehmenden Akteure bereitstellt. Indem DLT-Ansätze Authentizität und die Integrität von Daten, Werten und sogar Qualitätszuständen von Sachen gewährleisten, bringen sie sich als Ersatz vor allem für Plattformen in der Rolle des mobilisierenden Vermittlers ins Gespräch.

Diese dezentralen Konzepte haben durchaus Anhänger: In der Studie „Digital Platform Management“, die Sopra Steria Consulting gemeinsam mit Forschern des Hamburger Informatik Technologie-Centers (HiTec) durgeführt hat, bescheinigt immerhin fast die Hälfte (45 Prozent) der Befragten der Distributed Ledger Technology (DLT) die Fähigkeit, bestehende zentrale Plattformen zu ersetzen. Allerdings, und das drückt ein Stück weit die Unsicherheit der Anwender aus, haben fast ebenso viele Entscheider (42 Prozent) eine unklare Haltung gegenüber der Technologie.

Grafik Blockchain als Ersatz zentraler Plattformen
Quelle: Studie „Digital Platform Management“

Die Erklärung für diese ambivalente Bewertung liegt an dem bisher noch schwer zu beurteilenden Reifegrad der Technologie. Zudem fehlen Blockchain-Experten in den Unternehmen. Und Recht, Regulatorik sowie eine generell kritische Haltung in Deutschland gegenüber radikalen Innovationen erschweren die Bedingungen für die Blockchain-Technologie zusätzlich.

Distributed Ledger als Technologieservice für Finance-Plattformen

Was auffällt: DLT-Plattformen fehlt allein ein wenig das „Standing“ im Markt. Als technischer Bestandteil etablierter Plattformbetreiber gewinnt die Technologie allerdings an praktischer Relevanz. Das zeigt das Beispiel der baden-württembergischen Landesbank. Die LBBW hat 2017 für Unternehmen die Möglichkeit eingeführt, Schuldscheine in einer Blockchain zu platzieren, und gemeinsam mit der Börse Stuttgart einen Marktplatz für Schuldscheine entwickelt.

Das scheint gut angekommen zu sein. Erst im Februar 2019 legte die Landesbank nach: Mit dem Investor MEAG, dem Vermögensmanager von Munich Re und ERGO, ermöglicht die Bank als Plattformbetreiber erstmals eine rechtswirksame digitale Wertpapiertransaktion ohne papierhaften Parallelprozess auf Blockchain-Basis. Erster Nutzer ist die Emissionsgesellschaft „Weinberg Capital DAC“.

Und Ende März haben LBBW und Commerzbank gemeinsam „einen Meilenstein in der Digitalisierung von Handelsgeschäften auf Basis der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) erreicht“: Für die Abwicklung von Zahlungen für zwei Handelsgeschäfte übernahm die Bank den Datentransfer zwischen den Unternehmen Voith und KSB – weltweit und erstmals digital über die Blockchain-Technologie Corda.

Die Beispiele zeigen aber, dass etablierte Plattformen wie Banken immer noch wichtig sind. Es ist weniger wahrscheinlich, dass die beiden Industrieunternehmen Voith und KSB genauso viel Vertrauen in diese Trade-Finance-Dienstleistung hätten, wenn Corda keine Plattform von Banken wäre, sondern ein Non-Name-Start-up ohne Reputation – abgesehen von der rechtlichen und regulatorischen Machbarkeit.

Sanfte Revolution durch Integration der Blockchain

Distributed Ledger ist eine faszinierende Technologie für bestimmte Anwendungen – auch wenn noch nicht absehbar ist, ob sie sich als Plattformtechnologie durchsetzen kann. Die bemängelte fehlende Reife der dezentralen Technologie lässt sich nur durch ein systematisches Use Case Assessment und weitere (Pilot-)Projekte erreichen. Die erfolgreiche Integration als Service in zentralen Plattformen scheint dabei ein erfolgversprechenderer Umweg zu sein, das Plattformsystem von innen heraus zu verändern. Zudem gibt es Bedarf bei der Regulierung, die den Einsatz durch gesetzliche Rahmenbedingungen begleiten und – wenn nötig – begrenzen wird.

Foto: Getty Images / Alex Bramwell


Mustafa Cavus

Mustafa Cavus ist IT-Architekt bei Sopra Steria Consulting. Der studierte Informatiker hat sich auf die Themen Big Data und Blockchain spezialisiert.


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