Smart Village: So vernetzt lebt es sich in der digitalen Diaspora

Smart Village

Smart City, Ridesharing, Breitbandzugang: für viele Stadtbewohner ganz normal, Smart Village für ländliche Regionen jedoch oft noch Zukunftsmusik. Die Kluft zwischen Stadt und Land droht immer größer zu werden. Außerhalb der Ballungszentren schreitet die Digitalisierung nur langsam voran. Dennoch gibt es clevere Projekte und Ideen, um Dörfer und Gemeinden fit für die Zukunft zu machen und der Landflucht entgegenzuwirken.

In Deutschland machen ländliche Regionen mehr als 90 Prozent der Fläche aus. Trotzdem lebt nur zirka die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land. Viele zieht es in die Stadt – mit steigender Tendenz. Vielfältige Jobmöglichkeiten, bessere Bezahlung, Infrastruktur und Versorgung locken besonders junge Leute in die Ballungszentren.

Vor allem digitale Innovationen können dazu beitragen, die Landflucht zu stoppen. Denn digital vernetzte Räume bieten Anreize und Möglichkeiten zu bleiben. Lange hatte der ländliche Raum hier noch Nachholbedarf, doch langsam kommt Schwung in die Digitalisierung der Dörfer und kleinen Städte. Projekte und Ideen kommen ins Rollen, um digitale Exzellenz auch aufs Land zu bringen. Was in der Stadt ganz normal ist, wird langsam auch in Dörfern Realität.

Mit Telemedizin dem Ärztemangel den Kampf ansagen

Eine dieser Ideen ist der Ausbau der Telemedizin. Ein Beispiel ist das Projekt eNurse, das gerade im Landkreis Hof und Wunsiedel sowie der Stadt Hof getestet wird. Die Region steht kurz von dem Ärztemangel. Durch das Pilotprojekt sollen Ärzte entlastet werden, indem speziell ausgebildetes nicht-ärztliches Personal die Hausbesuche tätigt und ein Teil der Betreuung übernimmt. Blut abnehmen, Blutzucker messen das Testen der Lungenfunktion zählen beispielsweise zu ihren Aufgaben. Die gesammelten Daten werden in die Praxissoftware übertragen, sodass der Arzt sofort die Werte ansehen, bewerten und gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen kann. Auch das schalten einer Videokonferenz zwischen Arzt und Patient oder Fachkraft ist möglich. eNurse sorgt dafür, dass Patienten wieder einen direkten Ansprechpartner bekommen. Das Projekt wird vom bayerischen Gesundheitsministerium gefördert.

Im Sauerland agiert das Vermittlungsprojekt Senimed-IT. Es vernetzt verschiedene Hausärzte und Alten- und Pflegeheime miteinander, Apotheken und Fachpraxen sollen hinzukommen. Das Prinzip: In einer digitalen Gesundheitsakte werden Patientendaten über die Einrichtungen hinweg gespeichert. So sind die verschiedenen Ärzte und Einrichtungen stets informiert, lange Abstimmungszeiten entfallen. Ähnliche Projekte der digitalen Anamnese entstehen auch in anderen Bundesländern. Die Telemedizin macht es möglich, die Digitalisierung des Gesundheitswesens voranzutreiben. Zu den Vorreiter-Ländern zählen Großbritannien, China und die USA.

Maßgeschneiderte Mobilität fürs Land

Die Mobilität im ländlichen Raum stellt ein Problem dar. Während in den Metropolen neue Mobilitäts-Konzepten boomen und die Entscheidung schwerfällt, ob man Carsharing, Ridesharing oder doch die S-Bahn benutzen soll, besteht diese Fülle an Optionen in den ländlichen Gebieten nicht. Ein Großteil der Bevölkerung ist auf ein eigenes Auto angewiesen, um schnell ans Ziel zu kommen. Besonders für die ältere Bevölkerung ist die eingeschränkte Mobilität ein Problem. 65 Prozent der Automobilentscheider sehen deshalb die Anpassung der Mobilitätskonzepte an eine alternde Gesellschaft als einen der größten Wachstumstreiber der Branche.

Ansätze, die den öffentlichen Nahverkehr ergänzen, gibt es bereits. Einige Landkreise wollen selbst aktiv werden, wie zum Beispiel Schönstadt in Hessen. Hier wurden zwei Dorfautos angeschafft, die jeder Bewohner online buchen kann. Also quasi Carsharing im Kleinformat. Für Menschen, die nicht mehr selbst fahren können, gibt es einen ehrenamtlichen Shuttle-Service. Und auch im Landkreis Hof tut sich was: Ein Bus kann bald per App bestellt werden und hält an 200 virtuellen Haltestellen.

Neue Mobilitätskonzepten machen nicht nur die alternde Bevölkerung mobiler. Durch die Nachhaltigkeit der neuen Konzepte, die hohen Kosten eines eigenen Autos und die oftmals langen Wege, kann ein erweiterter ÖPNV auch für die jüngere Bevölkerung attraktiv sein.

Home-Office, E-Learning, Videoschule

Ein weiterer Pluspunkt fürs Land sind flexible Weiterbildungs- und Arbeitsformate. Viele Arbeitgeber sitzen in großen Städten. Das bedeutet lange Strecken und viel Pendelei für Dorfbewohner. Um Abhilfe zu schaffen, könnten auch auf dem Land Coworking-Büros eröffnet werden. Das Prinzip ist in den Großstädten bereits erfolgreich. Würden sie sich auch auf dem Land etablieren, hätten Angestellte nur noch kurze Arbeitswege und könnten trotzdem Arbeit und Freizeit voneinander trennen. Die moderne Infrastruktur ermöglicht es, dass besonders Büroangestellte nicht mehr zwangsläufig im Büro der Firma sitzen müssen. Digitale Errungenschaften wie Videotelefonie, Chatprogramme, Emailverkehr und VPN-Verbindungen machen ein Arbeiten auch von außerhalb problemlos möglich. In der Telearbeit sind Länder wie Großbritannien oder Skandinavien bereits ganz weit vorne dabei. Durch die Digitalisierung wird die Bevölkerung immer unabhängiger von festen Arbeitsorten und Zeiten.

Zudem bieten eLearning-Angebote, Open-Online-Kurse und Webinare den Menschen in ländlichen Regionen die Chance, sich auch vor Ort weiterzubilden. Dafür muss natürlich ein Internetanschluss im Gigabitbereich mit hoher Datenübertragungsrate gegeben sein. Weswegen ein Breitband-Anschluss für viele Aspekte der Digitalisierung jedoch auch auf dem Dorf unabdingbar bleibt.

Innovative Ideen verändern nicht nur die Arbeitswelt, auch die Schule wird immer digitaler. In dem Projekt School of Distance Learning Niedersachsen wurden insgesamt schon mehr als 300 Schüler unterrichtet. Die Digitalisierung bietet den Schülerinnen und Schülern auf den ostfriesischen Inseln die Möglichkeit, bis zur zehnten Klassen auf den Inseln wohnen zu bleiben. Der Unterricht erfolgt über Videotelefonie. Früher mussten die Kinder und Jugendlichen aufs Festland. Dies ist seit 2012 nicht mehr notwendig.

Smart Village – mein Dorf soll digitaler werden

Die Digitalisierung ist für viele ländliche Gebiete notwendig, um fit für die Zukunft zu sein. Durch neue Mobilitätskonzepte, digitale Gesundheitsleistungen oder Bildungsangebote eröffnet sie Bewohnern viele Möglichkeiten der digitalen Teilhabe. Zudem bietet die Digitalisierung der Bevölkerung Anreize, zurück aufs Land zu ziehen.

Quelle: Youtube

Viele Projekte setzen sich bereits jetzt dafür ein, dass digitale Innovationen auch hier zur Realität werden. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) fördert mit dem Programm Land.Digital Projekte und Ideen. Initiativen wie Mein Digitales Dorf, die auf der diesjährigen re;publica für Aufsehen sorgten, engagieren sich ebenfalls für die Digitalisierung in peripheren Regionen. Mit ihrer Plattform setzen sie sich dafür ein, dass Dörfer und Städte zu Smart Villages zu werden. So gibt es vielleicht schon bald mehr digital exzellente Landkreise wie Höxter und Lippe.

Foto: Getty Images / Westend61


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