Schicke Schlitten bauen alleine reicht nicht mehr!

Schicke Schlitten bauen alleine reicht nicht mehr!
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Nur noch Kraftfahrzeuge herstellen und After Sales Service bieten – das genügt der Automobilwirtschaft langfristig nicht mehr zum Wachsen. Das Automobil der Zukunft, das E-Auto, braucht weniger Teile und ist verschleißärmer. Hersteller und Zulieferer suchen nun zusätzliche Umsatzbringer, und die haben viel mit digitaler Exzellenz zu tun.

Es wäre sicher maßlos übertrieben zu prognostizieren, Autobauer verwandeln sich komplett in IT-Dienstleister, weil die Hardware, wie die Karosserie und Motorenteile, sowieso bald aus dem 3D-Drucker kommt. Aber in jeder Übertreibung steckt meist ein Fünkchen Wahrheit. Und die lautet: Die Automobilbranche wird ihr Kerngeschäft breiter aufstellen. Das sehen die Entscheider ähnlich, wie eine Infografik zur unserer Studie Branchenkompass Automotive 2019 zeigt. Klar, das Geschäft mit dem Herstellen von Fahrzeugen bleibt die Wachstumsquelle Nummer eins. Aber eben nicht nur: Das Dienstleistungsgeschäft gewinnt immer mehr an Fahrt, und gemeint ist nicht die Wartung der Fahrzeuge.


Quelle: Infografik zur Studie Branchenkompass Automotive 2019 von Sopra Steria Consulting.

Aus Autobauern werden Mobilitätsmanager

Vielmehr geht es darum, künftig digitale Dienstleistungen rund um das Thema Mobilität anzubieten. Die Vernetzung des Autos ist in vollem Gange. Die Konzerne investieren massiv in das Fahrzeug als digitales Endgerät auf Rädern. Daten spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie liefern Erkenntnisse über Fahrverhalten und Fahrzeugzustand. Dieses Wissen gilt es, in Dienstleistungen zu überführen und für bessere Produktionsabläufe zu nutzen. Predictive Maintenance ist beispielsweise ein attraktiver Service für Kunden und die Produktionsplaner in den Industrie-4.0-Fabriken in einem.

Carsharing ist ebenfalls nicht ausgereizt. Die nächste Stufe wird sein, Konzepte für dünn besiedelte Regionen auf dem Land zu entwickeln. Es braucht jemanden, der die vielen kleinen lokalen Initiativen zu einer großen digitalen Plattform bündelt. Car2Go und DriveNow eins zu eins für Dörfer anzubieten, wird nicht funktionieren. Nötig sind angepasste Preismodelle und eine Verknüpfung mit anderen Verkehrsangeboten – mit digitalen Apps als Bindeglied und Buchungsplattform. Die Automobilbranche hat allerdings gerade auf dem Land starke Konkurrenz. Stadtwerke eignen sich ebenfalls mit ihrer Kundenmacht als potenzielle digitale Plattformbetreiber für diverse Dienstleistungen rund um das Thema Smart City oder Smart Village.

Digitale Plattformen als tragendes Geschäftsmodell der Zukunft

Digitale Plattform ist das Stichwort, das eine neue Goldgräberstimmung auslösen könnte. Was an den Studienergebnissen überrascht, ist die geringe strategische Priorität bei den Unternehmen, sich selbst in Plattformunternehmen zu verwandeln. Nur jedes dritte Unternehmen hat das Thema weit oben auf der Strategieagenda. Dort rangieren die üblichen Verdächtigen wir das Einsparen von Kosten. Effizienz ist sicher wichtig. Nur wer spart, hat etwas übrig, um die enormen Investitionsvolumina für den digitalen Umbau zu stemmen.

Die gemessene Zurückhaltung liegt sicher auch an der heterogen gewählten Stichprobe für die Studie. Die großen Hersteller sind sicher weiter als kleine und mittlere Zulieferer. Mit Volkswagen We, Mercedes Me, BMW Connected Drive haben sich die Konzerne mittlerweile zentrale digitale Anlaufstationen für ihre Kunden geschaffen.


Quelle: Infografik zur Studie Branchenkompass Automotive 2019 von Sopra Steria Consulting.

Der nächste Schritt sollte sein, diese Plattformen für Kunden und Partner zu Erlebniswelten á la Facebook und Marktplätzen á la Amazon auszubauen. Das Angebot darf dabei nicht nur eigene Dienste wie Konfiguratoren und Finanzierungen und Versicherungen umfassen. Der Schlüssel liegt darin, ein Portal für das gesamte Ökosystem Mobilität zu werden. Dazu gehört auch, Telekommunikationspartner auf die Plattform zu lassen, um für das Connected Car passende Daten- und Kommunikationstarife zu entwickeln und sich so in diese Wertschöpfungskette einzuklinken.

Das kann so weit gehen, dass es sich rechnet, sich für Wettbewerber zu öffnen, wenn es den Kunden nützt. Die Zusammenarbeit von Mercedes und BMW beim städtischen Carsharing sowie die von Ford und VW bei E-Autos zeigen, dass das geht.

Großes Potenzial haben auch digitale Angebote für Elektroautobesitzer, die nicht nur Strom verbrauchen, sondern auch einspeisen. Weitergehende Initiativen zeigen, dass Automobilhersteller die Branche wechseln und Energieversorger für die E-Autos der Zukunft werden wollen – inklusive Service rund um die Ladestationen.

Damit die Plattform- und die übrigen Wachstumsstrategien aufgehen, braucht es wichtige Vorarbeiten. Hierfür investiert die Automobilwirtschaft heute und in Zukunft beträchtliche Summen. Das Schmiermittel für ruckelfreie digitale Dienste sind Standards. Ähnlich wie Bluetooth im Fahrzeug müssen sich beispielsweise standardisierte Lösungen zum Download eines digitalen Schlüssels auf ein smartes Endgerät etablieren – inklusive der passenden Sicherheitsstandards, damit Digitalisierung nicht Einfallstor für Diebe und Hacker wird. Nur so funktioniert eine nahtlose Zusammenarbeit mit Mobilfunkbetreibern, Einzelhändlern, Zahlungsanbietern, Versicherern und Infotainment-Plattformen. Und die ist Voraussetzung, damit die Wachstumsmotoren von morgen nicht abgewürgt werden.


Quelle: Infografik zur Studie Branchenkompass Automotive 2019 von Sopra Steria Consulting.

Über den Autor:

Lutz Kauertz ist Alumnus bei Sopra Steria Consulting. Er leitete den Geschäftsbereich Manufacturing. Sein Fokus liegt auf den Themen Geschäftsmodelltransformation und Prozessdigitalisierung.

Foto: Getty Images / nadla


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