Digitale Implantate: Technik, die „unter die Haut geht“

Mithilfe von digitalen Implantaten bargeldlos bezahlen

Türen öffnen, Fahrkarten kaufen oder Visitenkarten tauschen: Einsatzmöglichkeiten für digitale Implantate, also Mikrochips unter der Haut, gibt es zuhauf. Mensch und Maschine kommen sich immer näher, müssen sich aber noch anfreunden. Denn der ganz große Boom lässt noch auf sich warten.

Immerhin: Weltweit sollen bis zu 100.000 Menschen bereits ein digitales Implantat tragen. Die reiskorngroßen Mikrochips können mithilfe einer speziellen Spritze recht schnell und ohne große medizinische Bedenken unter Haut geschoben werden. In der Regel wird die 10 – 15mm lange Kapsel in der Hand, dort wo Daumen und Zeigefinger zusammenlaufen, platziert. In dem Glas-Implantat selbst sitzt das Speichermedium. Nicht selten befindet sich daneben eine kleine Batterie.

Anwendungsfeld Zutritts- und Ticketkontrollen

Die smarten Wearables unter der Haut lassen sich für ganz unterschiedliche Zwecke nutzen, beispielsweise als Schlüssel, den man immer bei sich hat. Die Zugangsdaten zur Büro oder Wohnungstür, die sonst auf einer Plastikarte gespeichert sind, trägt der Nutzer nun als digitales Implantat unter Haut. Vergessen oder Verlieren gehören der Vergangenheit an. Eine Bank setzt die Technik derzeit im Marketing ein. Neukunden einer Baufinanzierung erhalten den Schlüssel für Haus oder Wohnung gratis unter die Haut gepflanzt. Die schwedische Firma Tui Nordic spendiert jedem Mitarbeiter, der möchte, ein Implantat. Bislang trägt jeder fünfte eins, um Spinds zu öffnen oder Drucker und Snackautomaten zu bedienen.

Das Anwendungsbeispiel lässt sich auf Fahrkarten übertragen. Seit 2017 akzeptiert zum Beispiel die schwedische Bahn das Ticket unter der Haut als Fahrschein. Die Fahrkarte wird zuvor per App gekauft, und die Chip-ID wird hinterlegt. Kommt es im Zug zu einer Fahrkartenkontrolle, wird einfach die Hand des Passagiers gescannt. Diese Anwendung würde „unfreiwilliges Schwarzfahren“ praktisch ausschließen. Zudem werden Nerven geschont und Kosten gespart. Fahrgäste bräuchten keine Gebühren für das Vergessen der Fahrkarte mehr bezahlen, und die Verkehrsbetriebe sparen die Bürokratiekosten.

Bei Ticketkontrollen am Flughafen ist solch ein Szenario auch möglich. Dabei ist zu beachten, dass der Chip seine Daten nicht selbstständig sendet. Sie werden mittels Near Field Communication (NFC) ausgelesen, wenn sich ein Scanner nah genug an der Hand des Implantat-Trägers befindet.

Anwendungsfeld Telemedizin

Für den Gesundheitssektor gewinnen Mikrochips unter der Haut ebenfalls an Relevanz. Mit den funkenden Implantaten lassen sich prinzipiell Vitaldaten des Trägers auslesen. So hätten Diabetiker beispielsweise ihre Blutzuckerwerte stets parat. Mit ihrem Einverständnis könnten sie zudem Vitaldaten automatisiert an Ärzte funken. Das Monitoring von Behandlungen ließe sich so vereinfachen und die Qualität von Diagnosen verbessern. Akzeptanz für dieses Szenario ist durchaus vorhanden. Digital Healthcare findet ohnehin großen Anklang in der Bevölkerung, nachzulesen in unserer Studie. Besonders die Generation 65+ kann sich aus diesem gesundheitlichen Aspekt heraus vorstellen, ein Implantat zu tragen.

Weitere Anwendungsfelder

Ein weiterer Use Case, der aktuell im Gespräch ist, ist das kontaktlose Bezahlen mit eingepflanzten RFID-Chip. Diese Payment-Methode wäre theoretisch sogar sicherer als mit Kreditkarte oder Smartphone, denn der Zahler ist eindeutig als Besitzer der hinterlegten Karte identifizierbar. Genauso lassen sich auch digitale Visitenkarten und Social-Media-Kontaktdaten auf dem Implantat speichern und miteinander austauschen. Über NFC-Apps werden die Daten drahtlos auf den Chip gesendet.

Wettbewerb um den Platz unter der Haut

Für den interessierten Nutzer ist es ratsam, bei Komfort und Sicherheit zu vergleichen. Implantat ist nicht gleich Implantat:  Aktuell gibt es verschiedene Modelle auf dem Markt. Der Vivokey zählt zu den neusten Exemplaren. Der Clou: Bei diesem Mikrochip ist ein kryptografischer Schlüssel vorhanden, wie sie sonst nur in Computern oder Smartphones existieren. Dadurch wird der Key angeblich unhackbar und Finanztransaktionen auch über die Hand denkbar. Zudem bietet diese Art von Implantat die Möglichkeit, selber Apps zu entwickeln und diese dann auf dem Key zu speichern.

Der Durchbruch lässt auf sich warten

Trotz der vielen schönen Anwendungen: Digitale Implantate haben noch ein Akzeptanzproblem – zumindest in Deutschland. Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom lehnen es sechs von zehn Bundesbürgern ab, sich einen Mikrochip unter die Haut pflanzen zu lassen. Die Ablehnungsgründe zielen häufig auf die fehlende technische Reife:

Viele Menschen trauen der Technologie noch nicht und sehen Defizite in der Nutzung. Beispielsweise sind Implantate nicht in der Lage, mehrere Anwendungen gleichzeitig zu speichern. Die Speicherkapazität der Chips ist kleiner als bei Smartphones. Ein weiterer Kritikpunkt: Die Kapseln haben nur eine kurze Reichweite. Beim Boarding eines Flugzeugs müssen Träger beispielsweise sehr nah an das Lesegerät herangehen. Zum Teil muss die Hand wortwörtlich auf dem Scanner gerieben werden, damit die Daten ausgelesen werden können.

Zudem fürchten sich viele Menschen vor den Sicherheitsrisiken eines Implantats. Vor allem ältere Modelle sind leichter auslesbar und klonbar. Datenschützer warnen: Sobald die Speichermengen der Chips größer werden, steigt auch das Interesse bei Hackern.

Außerdem schreckt vielfach die Tatsache ab, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine immer weiter zusammenwachsen. Digitale Implantate brauchen somit noch Zeit, um sich als Massenprodukt durchzusetzen.

Die Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet geht derweil weiter. Biohacking und Human Augmentation lauten die nächsten Trends. Von einem Milliardenmarkt ist die Rede, bei dem mit Digiwell sogar ein Start-up aus Deutschland kräftig mitmischt. Neben den oben genannten Implantaten geht es unter anderem um seismische Sensoren oder Magnete und Kompasse, die sich Biohacker einsetzen. So sollen künftig Erdbeben gespürt und magnetische Felder wahrgenommen werden. Es lohnt sich sicher, digitale Implantate und Biohacking auf dem Technologieradar zu haben. Die Einsatzgebiete klingen vielversprechend. Das Tempo der Verbreitung bestimmen dann wie so häufig die Nutzer.

Foto: Getty Images / Koron


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