DAO: Eine dezentral autonome Organisation steuert sich selbst

DOA Dezentral autonome Organisation

Disruptive Technologien und die immer größere Verfügbarkeit von Daten stellen klassische Organisationsformen infrage. Dezentralisierte autonome Organisationen – sogenannten DAO – könnte es schon sehr viel schneller geben als viele heute ahnen.

C.C. Baxter (gespielt von Jack Lemmon) ist nur einer von Tausenden Beschäftigten, die in dem Film „Das Appartement“ ihre Arbeit für die Consolidated Life verrichten. Alles ist geplant, alles ist durchgetaktet. Im 19. Stock beginnt die Arbeit um Punkt 8:50 Uhr und endet um 17:20 – da sich nur durch die gestaffelten Anfangs- und Endzeiten auf den einzelnen Etagen, die ein- und ausströmenden Menschenmassen koordinieren lassen. In einem Gastbeitrag griff die Microsoft-Personalchefin Claudia Hartwich die Büroszene aus dem Film vor einiger Zeit auf, um die veränderte Arbeitswelt zu beschreiben. Tatsächlich lässt sich anhand der Consolidated Life Insurance und der Entwicklung des Büros noch etwas Anderes aufzeigen: dass wir womöglich völlig neu über die Organisationsform von Unternehmen nachdenken müssen.

Die Büros entwickelten sich insbesondere in der Industrialisierung aus Schreibstuben, die in den Fabrikgebäuden untergebracht worden sind – eine rein pragmatische Entscheidung. Es galt letztlich der Grundsatz, dass sich die gesamte Organisation nach dem Ort und der räumlichen Verfügbarkeit der Produktionsmittel richtet.

Mit der Digitalisierung und den disruptiven Technologien wie Blockchain lässt sich dieser Grundsatz jedoch aufgeben. Es besteht schlichtweg keine Notwendigkeit mehr für eine zentrale Organisation – weder in räumlicher noch in hierarchischer Hinsicht. Ersteres mag schnell nachvollziehbar sein, wenn wir uns die Bedeutung ansehen, die Remote Work seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie hatte. Bei der Hierarchie besteht gewiss mehr Erklärungsbedarf.

Die Funktionsweise einer dezentralisierten autonomen Organisation (DAO)

Grundlage der Transaktion, insbesondere einer geschäftlichen, ist die vorherrschende Informationsasymmetrie zwischen beteiligten Akteuren. Unternehmen sammeln und nutzen heutzutage eine Vielzahl von Informationen und Daten zu ihrer Geschäftstätigkeit. Viele dieser Daten schlummern in Silos vor sich hin oder tauchen lediglich in einzelnen Programmen auf, ohne über die gesamte Organisation hinweg geteilt zu werden. Liegen all diese Daten jedoch vor und führt ein Unternehmen sie zusammen, lassen sich darüber sämtliche Prozesse des Unternehmens sowohl abbilden als auch steuern. Anhand der Daten lässt sich beispielsweise erkennen, ob es zu Verzögerungen bei bestimmten Produktionsschritten kommt, wie die Auftragslage ausfällt oder die Herstellung eventuell auch angepasst werden muss, um Kundenanfragen besser entsprechen zu können. Mit anderen Worten: Die Steuerung des Unternehmens lässt sich bei Vorhandensein der Daten automatisieren und ein Normalbetrieb ohne weiteres Zutun eines Managements sichern.

Die Grundsätze und Regeln, denen diese Steuerung folgt, werden in sogenannten Smart Contracts einer Blockchain festgeschrieben. Smart Contracts sind festgeschriebene, programmierte Regeln, denen die an der DAO Beteiligten uneingeschränkt vertrauen. Diese Regeln zur Steuerung von Transaktionen übernimmt dabei den reibungslosen Betrieb von aufbau- und ablauforganisatorischen Strukturen, so dass sich die Akteure auf den Kern der Transaktion konzentrieren können. Zudem sind diese kodifizierten Regeln einsehbar, genauso auch die für die Transaktionen verwendeten oder generierten Stamm- und Bewegungsdaten.

Eine solche Organisation wäre völlig transparent in ihren Entscheidungen, da sich diese jederzeit über die Blockchain beziehungsweise die jeweils eingesetzte Distributed Ledger-Technologie nachvollziehen lassen. Über Crowdfunding würde eine solche dezentralisierte autonome Organisation (DAO) das notwendige Kapital einsammeln und Token ausgeben, die wiederum gleichbedeutend mit Stimmrechten wären. Eine zentrale Steuerung dieser Organisation würde es ebenso wenig geben wie einen zentralen Eigentümer. Die Struktur wäre zumindest vergleichbar mit jener einer offenen Handelsgesellschaft (oHG) – allerdings ohne jede natürliche oder juristische Person, wie sie vom BGB vorausgesetzt wird. Die Notwendigkeit für Mittelsmänner-Strukturen wäre nicht gegeben, Informationsasymmetrien würden der Vergangenheit angehören.

Eine DAO namens Jenny

Ein Beispiel für so eine DAO hört auf den Namen Jenny. Die Jenny DAO erwirbt sogenannte NFTs und hinterlegt diese in einer Art von digitalem Safe. NFTs, also Non-fungible Tokens, sind mit einem eindeutigen, nicht teilbaren Eigentumsrecht für den Halter versehen. Der Zugriff auf NFTs ist bei der Jenny DAO nach eigenen Vorgaben nur möglich, wenn sich die Hälfte der Token-Inhaber dafür ausspricht. Im Mai 2021 hat die Jenny DAO den NFT eines Originalsongs von Steve Aoki und 3LAU erworben. Nun ist der Erwerb eines NFT das eine, eine darüberhinausgehend Geschäftstätigkeit etwas anderes, mag mancher einwenden. Doch zum einen hat es die gesamte Finanzbranche mit virtuellen Produkten zu tun. Eine DAO könnte ebenso Aktien erwerben, mit Fonds oder anderen Assetklassen handeln. Im Zeitalter vom Internet der Dinge (IoT) könnte eine DAO zudem Maschinenkapazitäten in Fabriken anmieten und so auch tatsächlich selbst in eine industrielle Produktion mit einsteigen.

All das mag nach Science-Fiction klingen – für einige nach Utopien, für andere sogar nach Dystopien. Doch angesichts der rasanten Entwicklung, die das Management von Daten und die Automatisierung von Prozesse nimmt, sind wir solchen Szenarien wohl sehr viel näher, als viele glauben mögen. Verschiedene Ethikrate schießen wie Pilze aus dem Boden und versuchen, diese Transformation zu beherrschen. Umso mehr sind Management-Generationen von heute und insbesondere von morgen gefordert, Antworten und Modelle für ihre Organisationen, ihre Beschäftigten und ihre Kundschaft zu finden. Denn der Begriff der Organisation beschreibt die grundlegende, regelbasierte Orchestrierung von Ressource und Arbeit, die zu Gütern, Daten, Informationen und Transaktionen führt.


Kristijan Steinberg

Kristijan (Kris) Steinberg ist Head of Strategy Consulting bei Sopra Steria Next für das Marktsegment Industries. Er verantwortet strategische Digitalisierungsmandate und berät Unternehmensführer in der DACH-Region.


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