Blockchain wird erwachsen

Blockchain Payment

Blockchain gehört fast schon zum technologischen Establishment. Das merkte jeder, der vergangene Woche die Veranstaltung „Blockchain 2017 & Smart Contracts“ in Berlin besuchte. Alle Teilnehmer wussten, bei Blockchain geht es um ein verteiltes Netz und Transaktionen und nicht um die nächste US-Boygroup. Die Technologie wurde auch nicht mehr als Hype angesehen. Stattdessen wurden Testszenarien und Proofs of Concepts präsentiert.

Das war bei früheren Blockchain-Events noch anders: Die Referenten versuchten hauptsächlich, Blockchain als Technologie vorzustellen, und die Teilnehmer wussten gar nicht, was sich genau dahinter verbirgt. Alle Teilnehmer, speziell wenn sie der Finanzbranche angehörten, waren diesmal gespannt auf konkrete Anwendungsfälle. Denn die Frage, die alle am meisten interessierte, war: „Was sind die Uses Cases, und wie entwickle ich sie?“.

Transatlantischer Zahlungsverkehr in acht Sekunden

Und sie wurden nicht enttäuscht: Neben Start-ups, die die komplette Bankenlandschaft umkrempeln wollen, hatten auch eingefleischte Finanzschwergewichte wie die BaFin und die Europäische Zentralbank (EZB), Beispiele im Gepäck, in welchen Bereichen Blockchain sinnvoll eingesetzt werden könnte. Die Reisebank, eine DZ-Bank-Tochter, hat etwa im Rahmen ihrer Tauglichkeitsprüfung von Distributed Ledger Technology und Smart Contracts ihren Piloten zum transatlantischen Zahlungsverkehr in acht Sekunden vorgestellt. Die Rabobank präsentierte ihren Proof of Concept für eine einfachere Kundenidentifizierung (know your customer) auf Basis von Blockchain. Die Idee: Kreditinstitute greifen auf Daten von Stellen zurück, bei denen Kunden schon identifiziert sind, beispielsweise bei Sozialversicherungsträgern und der Schufa.

Für den Energiesektor gab unter anderem Christian Arnold von EWE viele Denkanstöße, wie sich zum Beispiel ein Peer-to-Peer-Energiehandel per Blockchain organisieren lässt. Vorbilder sind Prototypen wie LO3 Energy aus Brooklyn, New York. Vattenfall ist derzeit an vier Pilotprojekten zu Blockchain beteiligt – darunter Gridsingularity, einer dezentralen Plattform für den Austausch von Energiedaten.

Von der Theorie in die Blockchain-Praxis

Vielen Unternehmen fehlt es derzeit noch an Erfahrung, um sich an eigene Business Cases heranzuwagen. Für uns ging es deshalb darum, ein methodisches Vorgehensmodell vorzustellen, mit dem Unternehmen geeignete Business Use Cases für Blockchain identifizieren können.

Bevor eine konkrete Blockchain-Anwendung implementiert werden kann, muss sie sich zuerst als geeigneter Use Case etablieren. Dieser Prozess ist mehrstufig: Zu Beginn müssen die groben Rahmenbedingungen erfüllt werden, zum Beispiel ein dezentrales Netzwerk. Wichtig ist zudem, dass die Ziele einer praktischen Anwendung mit der Blockchain-Technologie erfüllbar sind. Für die Auswahl einer konkreten Blockchain-Plattform braucht es darüber hinaus Antworten auf Fragen, ob zum Beispiel Smart Contracts relevant sind und welches Consensus-Verfahren eingesetzt werden soll. Abschließend ist sicherzustellen, dass die Umsetzung überhaupt möglich ist, oder ob es beispielsweise rechtliche Fallstricke gibt. Sind diese Vorarbeiten abgeschlossen, folgen Design Thinking und das konkrete Umsetzungsprojekt.

Der Einsatz einer Blockchain-Technologie erfordert eine dezentrale Lösung, bei der die Steuerung nicht durch eine zentrale Instanz geschieht. Stattdessen übernimmt ein Komitee oder ein Konsortium das Thema Governance. Die Governance regelt Rollen und Verantwortlichkeiten in der Blockchain. Außerdem verantwortet sie die Lösung von Konflikten, die auf der Plattform auftreten können.

Fazit

Blockchain ist kein Hype mehr, aber das Thema bleibt, speziell für die Finanz- und Energiebranche spannend und interessant. Das Tätigkeitsfeld verschiebt sich weiter in Richtung Proof-of-Concept-Implementierungen. Im Tal der Ahnungslosen hinsichtlich der Fragestellung „Was ist Blockchain?“ befindet sich keiner mehr. Was noch fehlt, sind Leitplanken für die konkrete Anwendung.

Infos zur Veranstaltung

Vom 20.02. – 22.02.2017 „Blockchain 2017 & Smart Contracts“ in Berlin. Es ging um Themen wie Regulierung & Compliance, Smart Contracts, digitale Identifikation, Identitäten & Sicherheit, Skalierbarkeit & Security, Blockchain & (IT-)Infrastrukturen und erste Anwendungsbeispiele. Zahlreiche Referenten von Banken, Energieversorgern, Fintechs, IT-Anbietern und Beratungshäusern waren vor Ort. Sopra Steria Consulting war als Sponsor und als Referent dabei.


Mustafa Cavus

Mustafa Cavus ist IT-Architekt bei Sopra Steria Consulting. Der studierte Informatiker hat sich auf die Themen Big Data und Blockchain spezialisiert.

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