Banken sollten eigene Online-Kreditplattformen gründen

Banken und Kreditplattformen
Laura Schulz
durch

Online-Kreditplattformen gewinnen derzeit wieder an Relevanz. Ursache sind unter anderem die dauerhaft niedrigen Zinsen. 1,5 Milliarden investiert zum Beispiel der niederländische Versicherer Aegon in verschiedene Vorhaben über die Kreditplattform Auxmoney. Ziel ist, die Beiträge der Versicherer profitabler anzulegen als es derzeit über klassische Anlageformen möglich ist. Für Banken ist das Modell ebenfalls interessant, indem sie selbst zum Plattformbetreiber werden.

So funktionieren Online-Kreditplattformen

Das Prinzip einer Online-Kreditplattform wie Smava und Auxmoney ist einfach: Sie verbindet Kreditnehmer und Kreditgeber schnell und transparent miteinander. Der Kreditnehmer gibt über die Online-Plattform eine Art Inserat auf. Die Vorhaben sind oft in Kategorien aufgeteilt: von der Umschuldung über Hochzeitsfinanzierungen bis hin zu Startkapital für Start-ups. Der Kreditnehmer entscheidet, welche Daten er von sich preisgeben möchte, welchen Zinssatz er zu zahlen bereit ist und ob dafür eine Sicherheit hinterlegt werden soll. Betreiber der Plattform oder eine Partnerbank prüfen die Daten, inklusive Einstufung der Kreditwürdigkeit, bevor das Kreditgesuch online geschaltet wird.

Für den Anleger bietet die Kreditplattform den direkten Weg zu Kreditgesuchen. Er kann aus einer Vielzahl von Vorhaben das passende finanzieren. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: der Zinssatz, der Verwendungszweck, vorhandene Sicherheiten, die Kreditwürdigkeit des Suchenden, das Profil. Investiert werden kann i.d.R. ab einer festgelegten Mindestsumme, nach oben gibt es selten Grenzen.

Ganz ohne Bank läuft es allerdings nicht

Da die Kreditaufnahme und -vergabe auch unter regulatorischen Aspekten betrachtet werden müssen, steht im Hintergrund meist eine kooperierende Bank. Diese prüft die Legitimationen der Kreditnehmer und Kreditgeber, nimmt die Kreditwürdigkeitsprüfung vor, bewertet die Sicherheiten, dient als Plattform aller Zahlungsströme und hält die regulatorischen Vorgaben ein. Kreditplattformen können Einlagensicherungsinstrumente einsetzen, die ebenso durch die Bank verwaltet werden. Von all diesen Prüfungen bekommt der Kunde im Gegenteil zu einer Finanzierung oder Anlage bei einem Kreditinstitut sehr wenig mit. Die Mischung aus Anonymität einerseits und völliger Transparenz andererseits bei beispielsweise der Legitimation macht die digitale Plattform so interessant.

Banken als Finanzierungscommunity

Online-Kreditplattformen arbeiten somit meist nicht ohne Bank. Umgekehrt wäre es allerdings für Banken eine interessante Option, selbst zur Online-Kreditplattform zu werden und das Konzept mit dem Filialgeschäft zu verzahnen. Der große Vorteil der Filialbanken liegt in der Nähe zum Kunden und oft auch zur Region. Genau diese Vorteile kann die Bank nutzen, indem sie Anleger und Kreditsuchende zusammenbringt, die sich gemeinsam für einen Stadtteil, eine Gemeinde oder eine Region engagieren möchten. Dies können mittelständische Unternehmen und Start-ups sein, engagierte Bürger, Nachbarn, gemeinnützige Einrichtungen oder einzelne Personen, die sich gegenseitig unterstützen wollen.

Durch diese Art der Kredit- und Anlagevermittlung würden die Filialbanken eine lokale soziale Community gründen, die sich nicht in der Filiale, sondern online trifft und dort zusammenfindet. Das stärkt den Gemeinschaftsgedanken, gerade innerhalb einer Region – im Gegenteil zu den derzeitigen Plattformen, deren Kunden bundesweit oder sogar international verteilt sind. Wenn es vom Kreditnehmer gewünscht ist, kann er so viele Daten von sich preisgeben, dass seine Anleger sogar bei der Eröffnung seines Start-ups vor Ort teilnehmen können. Die Institute profitieren, indem Sie als lokaler und seriöser „Kümmerer“ in Finanzierungsfragen und als moderne Digitalbank auftreten.

Kombination der Konzepte

Der zentrale Vorteil der Banken gegenüber den reinen Online-Plattformen ist, dass sie darüber hinaus eine onlinegestützte Filialberatung anbieten können: Der Kunde begibt sich in die Filiale und entwickelt gemeinsam mit dem Berater ein Anlagekonzept; gekoppelt aus normalen Anlageprodukten und einer Anlage über die Plattform, ganz individuell und persönlich. Kunde und Bankexperte suchen am Beraterplatz online nach passenden Kreditgesuchen. Dieses Konzept unterstützt den stationären Vertrieb mit Online-Komponenten, also Omnikanalberatung in Reinkultur.

Die Retail-Banken würden zudem ihre langjährig geprägten Prinzipien nicht vernachlässigen und gleichzeitig von der Online-Plattform profitieren. Sie könnten zum Beispiel ihre etablierten Möglichkeiten der Kreditsicherung wie das Sparbuch als Sicherheit und Lohn- und Gehaltsabtretungen weiterhin anbieten und hätten damit gegenüber den reinen Internetplattformen einen Wettbewerbsvorteil.

Bei Kreditplattformen handelt es sich somit um eine durchdachte Entwicklung, die einiges an Zukunftspotenzial mit sich bringt, auch für die Entwicklung der Retail-Banken. Durch die Verknüpfung mit dem klassischen Geschäft sowie der beständigen Nähe zum Kunden und zur Region ist dies ein Geschäftszweig, der zusätzlich zum Filialgeschäft Vertrauen aufbaut und Kunden langfristig binden kann.


Laura Schulz

Laura Schulz arbeitet als Beraterin in der Division Banking von Sopra Steria Consulting. Die studierte Sparkassenbetriebswirtin besitzt Expertise im Aktivgeschäft und ist auf die Digitalisierung im Retailgeschäft spezialisiert.


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