Wie der Mittelstand mit Hilfe der Digitalisierung seine Wertschöpfung steigern kann

Digitalisierung Mittelstand
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Kaum ein Thema schlägt aktuell in der Wirtschaft so hohe Wellen wie die Digitalisierung: Die einen befürchten, dass Deutschland die sogenannte “Vierte industrielle Revolution” verschläft, die anderen blicken zuversichtlicher in die Zukunft. Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn zählt sich zur zweiten Gruppe, auch wenn es zweifellos Handlungsbedarf bei den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) gibt.

So gilt noch immer der Grundsatz, dass der Anteil der Unternehmen, die ihre Produktion mit anderen Abteilungen oder sogar unternehmensübergreifend digital abstimmen, mit der Größe steigt. Gleichwohl zeigen sich durchaus auch die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) gegenüber der Digitalisierung offen – insbesondere, wenn hierdurch Kosten eingespart und betriebliche Abläufe verbessert werden können: So finden sich in 36 Prozent aller KMU in Deutschland Softwarelösungen, die den Datenaustausch innerhalb bzw. zwischen den verschiedenen Sachabteilungen erleichtern (Enterprise Resource Planning). Mit Zulieferern und Abnehmern sind 28 Prozent aller kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland digital vernetzt (Supply Chain-Management). Fast jedes zweite Unternehmen (46 Prozent) sammelt und katalogisiert seine Kundendaten (Customer Relationship Management). Insgesamt liegen die kleinen und mittleren Unternehmen hierzulande bei all diesen Digitalisierungsformen anteilsmäßig über dem europäischen KMU-Durchschnitt.

Hingegen werden die Chancen, die die Nutzung von Daten jeglicher Art mit sich bringen, von vielen KMU-Lenkern bislang noch verkannt: So werten nur fünf Prozent von ihnen systematisch Kundendaten aus – im EU-Durchschnitt sind es zehn Prozent der KMU. Auch im Hinblick auf „Smarte Produkte“ verhalten sich die kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland bislang zögerlich. Dabei erlebt jeder von uns täglich, wie sich solche Innovationen in unserem Alltag stetig breiter machen: Es ist inzwischen beispielsweise für uns selbstverständlich geworden, dass sich in vielen Fahrzeugteilen Sensoren und Mikroprozessoren befinden, die bei technischen Problemen von den Werkstattmitarbeitern problemlos ausgelesen werden können. Längst keine Vision mehr ist auch das selbstfahrende Auto oder das vernetzte Haus, dessen Elektronik aus der Ferne gesteuert werden kann. Viele KMU gerade im Verarbeitenden Gewerbe haben jedoch noch nicht die strategische Bedeutung der digitalen Schnittstellen zu ihren Kunden erkannt. Damit laufen sie Gefahr, dass virtuelle Plattformanbieter ihnen diesen Wertschöpfungsteil wegnehmen – und ihr Geschäftsmodell ins Wanken gerät.

Auf der einen Seite ist es zwar verständlich, wenn sich die KMU-Lenker in extrem innovativen Bereichen, in denen ihnen auch das nötige fachliche Wissen fehlt, zögerlich verhalten – schließlich sind sie auf stabile Abläufe angewiesen. Fehleinschätzungen und -investitionen können sehr schnell in den finanziellen Ruin führen. Auch darf man nicht vergessen, dass neue Technologien immer Veränderungen in der gesamten Unternehmensorganisation bedeuten. Es gibt also nicht nur die technische Komponente der Digitalisierung, sondern auch organisatorische Anpassungsprozesse, die von den Mitarbeitern zudem mitgetragen werden müssen.

Auf der anderen Seite gehört es jedoch zum Alltag von Managern, regelmäßig die Gesamtunternehmenssituation und die Zukunftsfähigkeit des eigenen Geschäftsmodells kritisch zu überprüfen. Eine Aufgabe, für die unbestreitbar im Tagesgeschäft der KMU häufig wenig Zeit bleibt. Angesichts der Digitalisierungswelle, die aktuell über die Unternehmen hereinbricht, ist dies jedoch mehr denn je unabdingbar. Nur so sind Unternehmen vor „plötzlicher Konkurrenz“ und disruptiven Entwicklungen gefeit. Denn perfiderweise sind es immer häufiger branchenfremde Unternehmen, die plötzlich ein ähnliches, digital basiertes Geschäftsmodell oder auch Produkte anbieten – und nicht nur die Mitbewerber. Für solche in Bedrängnis geratenen KMU ist es dann jedoch in der Regel schwierig, den entstandenen Rückstand aufzuholen.

Es ist daher für jedes KMU sinnvoll, eine Unternehmensstrategie zu entwickeln, die auch das Ziel der Digitalisierung sowie den Weg dorthin formuliert. Dazu gehört, darüber nachzudenken, wie nicht nur die unternehmensinternen Prozesse weiter vernetzt werden können, sondern beispielsweise auch die zu den Lieferanten und zu anderen Gewerken. Allein auf diese Weise können Termine besser abgestimmt – und der Kundenservice erhöht werden. Dadurch erhöhen Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit, wie wir in diversen Studien festgestellt haben. Auch haben viele dieser Unternehmen öfter smarte Produkte im eigenen Sortiment.

Für die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie und des digitalen Geschäftsmodells sind die kleinen und mittleren Unternehmen unter Umständen auf externe Unterstützung angewiesen. Ein vielversprechender – und in der Regel auch kostengünstiger – Weg ist hierbei, mit Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen zu kooperieren. Daneben bietet sich aber auch die Zusammenarbeit mit einem jungen innovativen Unternehmen in den Bereichen an, in denen den etablierten KMU die benötigte Expertise fehlt. Von einer solchen Kooperation profitieren im besten Fall beide Seiten: Die kleinen und mittleren Unternehmen können mit Hilfe modernster Technologien und dem Wissen von hochqualifizierten Fachkräften ihr eigenes Geschäftsmodell sowie ihre Vernetzung weiterentwickeln. Die innovativen Jungunternehmen erhalten branchenspezifisches Know-how sowie Zugang zu Ressourcen und zu einem großen Netzwerk.

Über den Autor:
Schröder Christian Dr.
Dr. Christian Schröder ist Projektleiter im Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Themenfeld “Digitalisierung” und hat u.a. an den Studien “Disruptive Innovationen: Chancen und Risiken für den Mittelstand” und “Digitalisierungsprozesse von KMU im Verarbeitenden Gewerbe” mitgewirkt.

Fotos: Getty Images / Besjunior; IfM


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