„Wer auf der Stelle tritt, kann nur Sauerkraut fabrizieren“ – über die Veränderungsfähigkeit von Unternehmen und Ländern

„Wer auf der Stelle tritt, kann nur Sauerkraut fabrizieren“ – über die Veränderungsfähigkeit von Unternehmen und Ländern
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Deutschland ist erfolgsverwöhnt, gesättigt vom langjährigen, stetigen wirtschaftlichen Wachstum und lebt in Wohlstand. Warum sollte man also ausgerechnet jetzt alles ändern? Jahrzehntelang war das Land genau so extrem erfolgreich, warum also ein Risiko eingehen? Mario Dönnebrink, CEO von d.velop, zeigt in einem Gastbeitrag, wie schwer sich bewährte Methoden durch frischen Wind ersetzen lassen.

Schon Sir Peter Ustinov wusste, dass Stillstand Rückschritt bedeutet und Mut zur Veränderung Menschen – und Unternehmen – weiterbringt, wenn sie nicht nur Sauerkraut fabrizieren wollen. Das Problem ist nur, dass der Mensch von Natur aus eher veränderungsresistent ist. Vor allem heute, in Zeiten des digitalen Wandels, in denen disruptive Geschäftsmodelle junger Start-ups den gewachsenen Strukturen der etablierten Firmen den Rang ablaufen, eine denkbar ungeeignete Basis für dringend notwendige Agilität.

„Das haben wir schon immer so gemacht!“

Menschen lieben keine Veränderungen, denn der Ausgang ist in der Regel ungewiss. Sie erkennen Muster im Etablierten und entwickeln langfristig Problemlösungen, die sie, weil es effizient ist, immer wieder einsetzen. Das mag in einer sich nur langsam verändernden Welt gut funktionieren, und das hat es in der Menschheitsgeschichte auch zigtausende von Jahren und im Industriezeitalter jahrhundertelang gegeben. Diese Herangehensweise hat zahlreiche klassische Unternehmen immens wachsen lassen und zu globalen Marken gemacht.

In komplexen, sich dynamisch verändernden Märkten mit permanent neuen Kundenanforderungen und geändertem Konsumentenverhalten ist dieser Ansatz aber nicht mehr funktional. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, Veränderungsnotwendigkeiten schnell zu erkennen und statt „der einen Lösung“ immer wieder aufs Neue innovative Lösungen in schneller Abfolge in kreativen Prozessen zu generieren. Wie also können wir Unternehmen und den darin beschäftigten Mitarbeitern beibringen, diese essenziell wichtige Veränderungsfähigkeit zu entwickeln und zu leben?

Die Gleichung dahinter ist ganz einfach:

Je veränderungsfähiger -> desto innovativer -> desto schneller habe ich digitale Lösungen -> desto größere Mehrwerte entwickle ich

Dies setzt jedoch voraus, dass diese Innovationskraft und Kreativität immer aufs Neue beziehungsweise permanent besteht und immer wieder neue Ideen, Lösungen und Geschäftsmodelle hervorbringt, sie also nicht versiegt und der Prozess der Findung niemals abgeschlossen ist. Ein permanenter Wandel – optimalerweise antizipativ – ist zur Anpassung an permanente kaum vorhersehbare Veränderungen notwendig. Der Prozess an sich, die eigene Veränderungsfähigkeit zu fördern, ist ein Weg zum Erfolg.

Neben der dem Menschen innewohnenden Veränderungsresistenz muss zudem auch das arbeitstechnische und organisatorische Umfeld umwälzende und permanente Veränderungen und agiles Handeln überhaupt erlauben und aktiv fördern. Eine hierarchisch geprägte Unternehmensorganisation mit langen Entscheidungswegen und Entscheidungen, die (meist viel zu spät) von denen getroffen werden, die am weitesten von den Handelnden in den relevanten Märkten entfernt sind, kann hier nur innovationshinderlich sein.

Deutschland als möglicher digitaler Vorreiter – mit deutlichen Schwächen in der Umsetzung

Die beschriebenen Anforderungen an die Veränderungsfähigkeit lassen sich auch auf einer anderen Ebene anwenden, auf der von Staaten.

Dabei sind im globalen Ländervergleich die Voraussetzungen für gelungene Digitalisierung und dadurch die langfristige Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland besser als in vielen anderen Ländern. Das Weltwirtschaftsforum, das für seinen Globalen Wettbewerbsbericht 2018 die Bedingungen in 140 Ländern miteinander verglichen hat, konstatiert, dass die deutschen Unternehmer risiko- und innovationsfreudig sind, was Forschung und Entwicklung angeht. Kein anderes Land, so das Weltwirtschaftsforum, ist innovationsfähiger als Deutschland, was auch die Zahl der Patente belegt. Bei der Wettbewerbsfähigkeit haben allerdings die USA die Nase vorn. Bei der Umsetzung (digitaler) Innovationen hapert es also gewaltig. So rangiert Deutschland bei der IT-Nutzung nur auf Platz 31.

Auf dem Bild ist Mario Dönnebrink, CEO von d.velop, bei einer Präsentation zu sehen

Mario Dönnebrink, CEO von d.velop

Ein ähnliches Bild zeichnet das European Data Portal. In Sachen Datenqualität – und genau diese ist beispielsweise im Zusammenhang mit der Generierung von Wissen aus Daten mittels Software und künstlicher Intelligenz extrem wichtig – liegt Deutschland mit 89 Prozent bei einem Durchschnitt von nur 62 Prozent auf dem ersten Platz und hat damit die größten Chancen, eine führende Rolle einzunehmen. Vor allem auf dem Gebiet Impact / Awareness liegt Deutschland jedoch deutlich unter dem Durchschnitt, während Irland, Spanien und Frankreich Spitzenpositionen beim Stand der Digitalisierung einnehmen.

Übersetzt heißt das, dass die deutsche Wirtschaft in Sachen Digitalisierung, also für das Schaffen von Mehrwerten aus Daten, beste Voraussetzungen hat – aber diesen Zusammenhang, die Notwendigkeit und die Chancen gar nicht sieht.

Zusammenfassend belegen diese Statistiken, dass wir Deutsche gut darin sind, technische Erfindungen zu tätigen und beste Voraussetzungen vielfältiger Art mitbringen, aber diese Möglichkeiten nicht ausreichend nutzen. Die Wissensexploration auf vielen Gebieten geht im internationalen Vergleich maßgeblich von Deutschland aus. Der Einsatz des gewonnenen Wissens, die Umsetzung in Innovationen und die Monetarisierung von Innovationen in Form funktionaler, mehrwertschaffender Geschäftsmodelle jedoch nicht. Auch hier liegt der Grund, wie schon oben erläutert, vor allem in der Überbetonung potenzieller Risiken, dadurch bedingter, verfrühter Regulatorik, um eben diese Risiken zu vermeiden, was letztlich in Innovationshemmnis endet. Die teilweise abstrusen Auswüchse regulatorischer Maßnahmen zur Umsetzung der Vorgaben der DSGVO sind weitere Beispiele für diese Herangehensweise.

Deutschland ist erfolgsverwöhnt, gesättigt vom langjährigen, stetigen wirtschaftlichen Wachstum und lebt in Wohlstand. Warum sollte man also ausgerechnet jetzt alles ändern? Jahrzehntelang war das Land genau so extrem erfolgreich, warum also ein Risiko eingehen? Oder, wie der Kölner sagen würde: „Et hätt noch emmer joot jejange“. Während andere Länder wie Spanien, Frankreich und Italien aus einer schwächeren wirtschaftlichen – also „hungrigen“ – Situation heraus die Chancen sehen und ihre Hausaufgaben bereits machen, passiert in Deutschland in der Umsetzung einfach noch viel zu wenig.

Stay Hungry!

Ein Fazit in Hinblick auf die Veränderungsfähigkeit der Deutschen im digitalen Wandel kann nur eine klare Aufforderung sein. „Hungrige“ Länder oder Unternehmen sind schneller und dynamischer, weil sie Chancen betonen, nicht die Risiken. „Hungrige“ Menschen sind kreativer in der Erarbeitung neuer Maßnahmen und Geschäftsmodelle. Erst wenn eine Sättigung eintritt, verfallen viele Menschen in Lethargie, werden müde, langsam und träge. Das gilt für Unternehmen und in globaler Betrachtung auch für Länder. Die Estnische Ministerpräsidentin Kersti Kaljulaid hat im Spiegel-Interview in Bezug auf Deutschland gesagt, sie habe nicht damit gerechnet, dass große Volkswirtschaften es sich erlauben würden, bei der Digitalisierung so weit zurückzufallen. Genau darum rufe ich auf zu mehr Mut zur Veränderung, zu mehr Spaß an der Veränderung. Seht die Chancen, fabriziert weniger Sauerkraut. Und: Stay Hungry!

Links und Quellen:

d.velop Reorganisation: http://www.cowo.de/a/3547093

Untersuchung des Weltwirtschaftsforums: https://www.deutschlandfunk.de/weltwirtschaftsforum-deutschland-ist-innovationsweltmeister.766.de.html?dram:article_id=430743

European Data Portal: https://www.europeandataportal.eu/en/dashboard?fbclid=IwAR2E3QPciqRplCXOD9_u882rWj2Lm8Y72Y5SAfdTbY4nBAKHoTWZd_NYKoo#2018

Spiegel-Interview Kersti Kaljulaid: https://www.spiegel.de/plus/kersti-kaljulaid-was-deutschland-von-estland-lernen-kann-a-00000000-0002-0001-0000-000163511537


Autor: Mario Dönnebrink, Vorstand / CEO der d.velop AG

Veränderungen sind für Mario Dönnebrink kein Risiko, sondern die Chance, wirklich etwas zu ändern. Mit dieser Einstellung hat er viel bewegt. Privat wie beruflich. Wenn er nicht als Vorstand der d.velop AG die Digitalisierung vorantreibt, verbringt der leidenschaftliche Musiker seine wenige Freizeit im Kreise seiner Familie. Seit 2012 verantwortet er als CEO das operative Geschäft der d.velop und bringt mit seinen oft andersartigen Ideen frischen Wind in die Organisation.


Foto: Getty Images / Westend61


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