Autonomes Fahren: Da geht noch viel mehr

Autonomes Fahren

Die Novelle der Straßenverkehrsordnung bringt es beim Thema Autonomes Fahren auf den Punkt: Der Fahrer muss im teil- bis vollautomatisiert fahrenden Fahrzeug jederzeit die Kontrolle haben. Für den Juristen bedeutet das: Das Fahrzeug unterstützt den Fahrer, ersetzt ihn aber nicht. Für Pärchen bedeutet das: Ihr Date auf dem Rücksitz findet weiterhin im geparkten Fahrzeug statt. Trotz dieser rechtlichen Leitplanken: Das automatisierte Autofahren nimmt einen weiteren Meilenstein auf dem Weg zur Massentauglichkeit. Und das wird erst der Anfang sein.

Viele Autofahrer sind sich gar nicht bewusst, dass sie bereits einiges an Autonomie an ihr Fahrzeug abgegeben haben. Unterstützungssysteme wie Längs- und Querbeschleunigungsregelungen, Spurassistenten, Abstandsassistenten, Wachsensoren, Rückenmassage in den Vordersitzen für den Lendenwirbelbereich, damit der Fahrer entspannter und sicherer ans Ziel kommt, gehören heute schon zum Fahralltag.

Weniger (Schein)-Staus, in Ballungsräumen

Seine wahre Wirkung wird autonomes Fahren allerdings erst vernetzt mit seiner Umgebung entfalten. Das vollautomatisierte Auto wird nicht mehr im eigentlichen Sinne autonom unterwegs sein, sondern im Verbund im Sinne eines Schwarms, der je nach Struktur unterschiedlich groß sein wird. Eine Gesamtverkehrssteuerung auf Basis der Stauforschung wird die gegebene Fahrzeugmasse flussorientiert steuern. Unnötige Brems- und Beschleunigungsvorgänge, die Hauptursachen für das Entstehen und Wandern der Stauspitzen, werden vermieden. Diese Form der Verkehrssteuerung wird nicht nur in Nordrhein-Westfalen Fahrernerven schonen, sondern sich gleichzeitig positiv auf das Erreichen von Klimazielen auswirken.

Strompufferspeicher und spezielle Driving e-lanes

Damit sind die Möglichkeiten für autonomes Fahren allerdings nicht ausgeschöpft: Im anbrechenden Zeitalter elektrisch betriebener Fahrzeuge wird man den eigenen Pkw in Ruhezeiten zum Beispiel einem Fahrzeugschwarm anschließen. Aus der überwiegenden Immobilie wird eine wirkliche Mobilie, aus gebundenem wird genutztes Kapital, aus einem ruhenden Akkumulator ein temporärer Pufferspeicher. Möglich macht dies ein Electric Grid, das zudem lebenszeitverlängernd für entsprechende Akkumulatoren wirkt.

Damit nicht genug: Es wird eine Zeit kommen, autonome Fahrzeuge für bestimmte Ereignisse im Sinne von Agenten Mobilitätsaufgaben übertragen bekommen, die sie umsetzen. In Ballungszentren kann man sich vorstellen, dass in Innenstadtbereichen ein gekoppeltes schienen- und straßengebundenes ÖPNV-System entsteht. In standardisierten Umfeldern, beispielsweise in so genannten „Autonomous Driving e-lanes“ mit Induktionsschleifen, lassen sich optimierte Kundentransporterlebnisse erzeugen und Staus aus den Innenstädten fernhalten. Fahrzeuge konzentrieren sich auf ihren reinen Transportzweck. Die gekoppelten Fahrzeuge werden voneinander lernen: Situationsmuster werden erfasst und jedem angeschlossenen Fahrzeug zur Verfügung stehen. Die Fahrzeuge erhalten genaueste Informationen aus den individuell „erfahrenen“ Bereichen, Änderungen der Umwelt werden dynamisch aufgenommen und in Zusammenhang zur Verkehrslage gesetzt.

Vernetzung erfordert neue Sicherheitsstandards

An den skizzierten Möglichkeiten lässt sich ablesen, dass Mensch und Maschinen – mobile und stationäre – immer weiter zusammenwachsen. Viele unserer heute selbstverständlich genutzten Geräte haben einmal einsam und alleine auf dem Entwicklertisch gelegen und entfalten heute überproportionale Netzeffekte – siehe IP-Kühlschrank. Das werden wir genauso mit vollautomatisierten Fahrzeugen erleben, die mit Mensch und mit mobilen und stationären Objekten über gesicherte Kommunikationsprotokolle miteinander kommunizieren.

Die Vernetzung erhöht paradoxerweise die Angreifbarkeit, wie kürzlich durch die Hackerangriffswelle WannaCry weltweit erlebt. Neue Sicherheitskonzepte werden deshalb entstehen müssen. Heute betreiben die Hersteller bereits komplexe Systeme der Fahrzeuganmeldung und Registrierung – der Wettbewerb geht zukünftig noch viel mehr über die Systeme und Informationsprotokolle. Es wird Industriestandards geben müssen, eine standardisierte Informationsschnittstelle für alle Hersteller. Da die IT-Entwicklung schneller ist als neue Fahrzeuggenerationen, müssen die IT-Zentren jede Version der Software nachalten, damit auch zwei Jahre alte Modelle weiterhin im Verkehr fahren können und sich die Fahrzeuge weiterhin untereinander verstehen. Wiederverkaufswerte richten sich in Zukunft mehr über die Softwarekompatibilität als über die physische Leistungsfähigkeit des Fahrzeugs.

Kunden geben die Pace vor

Bis es soweit ist mit der totalen Vernetzung, hoffe ich, dass der Autofahrer in der Zukunft noch fähig ist, das Fahrzeug in kritischen Situationen zu übernehmen – sofern das aufgrund eines automatisierten und auf Konvergenz und Stabilität ausgerichteten Umfeldes noch relevant ist. Persönlich als Kunde wünsche ich mir die maximale Auskostung des noch vorhandenen Fahrspaßes, schnelle Kurven zu fahren, die Querbeschleunigung zu genießen, selber zu bremsen und zu beschleunigen … und später diese Erfahrung nicht zu missen. Für den Erfolg des vollautomatisierten Fahrens werden das umfassende Kundenerlebnis, die Plattformfähigkeit und Inhalte entscheidende Kriterien sein.

Foto: Getty Images / oonal


Axel Fräßdorf

Axel Fräßdorf ist Experte im Bereich Automotive bei Sopra Steria Consulting. Er ist Brancheninsider, eines seiner Schwerpunktthemen ist die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle im Automobilsektor.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>