Machen Sie die digitale Reifeprüfung!

Digitale Reifeprüfjung

Auf einer Veranstaltung in Hamburg erklärte jüngst ein bekannter norddeutscher Unternehmer öffentlich: „Ich hasse die Digitalisierung, aber ich weiß, dass ich nicht drum herumkomme“. Eine interessante Aussage! Sie zeigt immerhin, dass an der Notwendigkeit einer digitalen Transformation hierzulande inzwischen kaum noch Zweifel bestehen, auch wenn sie von manchen nur zähneknirschend hingenommen wird. Deutsche Unternehmen, die in den vergangenen Jahren vielfach für ihre digitale Zurückhaltung gescholten wurden, holen nun in großen Schritten auf. Eine Studie, für die wir im Februar 2017 über 200 Geschäftsführer, Vorstände und Führungskräfte aus Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern befragt haben, belegt, dass sogar eine Zukunftstechnologie wie künstliche Intelligenz bereits in fast jedem zweiten Unternehmen (46 Prozent) im Einsatz ist.

Lohnt es sich ein Early Technology Adopter zu sein?

War das anfängliche Zögern also vielleicht gar nicht so falsch? Muss man überhaupt unbedingt der erste sein, der eine neue Technologie einsetzt? Oder sollte man doch lieber abwarten, was die anderen machen und von deren Erfahrungen profitieren? Wie erkenne ich, ob eine Technologie reif genug ist? Und, last but not least: Ist mein eigenes Unternehmen eigentlich reif für den Einsatz dieser neuen und sicherlich vielversprechenden Technologie?

Der Einsatz selbstlernender Analysesysteme, intelligenter Prozesse, robotisierter Kundenschnittstellen und aller anderen digitalen Technologien bedarf einer selbstkritischen Betrachtung der eigenen „Digital Readiness“. Entscheider sollten sich einen umfassenden Überblick über die vorhandene IT und mögliche Digitalisierungslücken verschaffen. Nur so können sie klären, welche Voraussetzungen ihr Unternehmen mitbringt, wo sich Einsatzmöglichkeiten für neue Technologien bieten und wo Investitions- und Umstrukturierungsbedarf besteht. Checklisten, wie die im neuen Managementkompass Künstliche Intelligenz, bilden eine erste Grundlage für eine digitale Reifeprüfung von IT-Infrastruktur und -sicherheit, Prozessen, Produktion und Kundenkanälen.

„Lohnt es sich ein Early Technology Adopter zu sein?“ fragt auch der Schweizer Digitalunternehmer Alain Veuve auf seinem Blog. Und rät, eine neue Technologie, erst dann einzusetzen, wenn es die eigenen Kunden fordern. Eine Faustregel, die auch gefährlich werden kann. Nämlich dann, wenn die eigenen Kunden gar nicht mehr da sind, weil sie sich längst einem Anbieter zugewandt haben. Grundsätzlich ist es aber natürlich richtig und wichtig auf die eigenen Kunden zu hören. Und genauso wichtig ist es, die neuesten Technologien im Blick zu behalten, selbst wenn sie auf den ersten Blick nichts mit dem eigenen Geschäft zu tun haben. Das könnte sich nämlich schnell ändern.

Die nächsten kreativen Zerstörer stehen schon bereit

Denn digitale Technologien sind die Basis für neue Geschäftsmodelle, die sich mit disruptiver Dynamik über den gesamten Globus verbreiten und die gewachsenen Spielregeln ganzer Branchen einfach auf den Kopf stellen. Das funktioniert immer dann, wenn es Unternehmen dank neuer Technologien gelingt, radikal neue Antworten auf existierende Kundenbedürfnisse zu liefern – und damit wiederum die Erwartungshaltung der Kunden grundlegend verändern. So und nicht anders erklärt sich der nachhaltige Erfolg von Facebook, Amazon, Uber und Co..

Und Sie können sicher sein: Die nächsten kreativen Zerstörer stehen schon bereit. Ein Beispiel: Dass sich die Automobilindustrie intensiv mit den Chancen und den Bedrohungen durch selbstfahrende Autos auseinandersetzt ist selbstverständlich. Aber warum sollten das auch Immobilienentwickler und Einzelhändler tun? Ganz einfach, weil früher oder später vielleicht jemand auf die Idee kommt, selbstfahrende Fahrzeuge als Objekt-Scout für Immobilien oder rollende Shops durch die Straßen zu schicken.

Also, selbst wenn Sie nicht für eine Bank oder eine Versicherung arbeiten, sollten Sie sich bei nächster Gelegenheit doch einmal mit dem Thema Blockchain beschäftigen und dabei Ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Vielleicht entdecken Sie dann eine akute Bedrohung auf die Sie reagieren müssen – oder Sie haben sogar eine bahnbrechende Idee für ein ganz neues Geschäftsmodell.

Foto: Getty Images / Yuriz


Urs M. Krämer

Urs M. Krämer ist seit Anfang 2013 bei Sopra Steria Consulting und übernahm im April 2014 die Rolle des Chief Executive Officers. Der Stratege und Managementberater legt sein Hauptaugenmerk auf Performance und Change Management.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.