KI @ China: Mit „Made in China 2025“ zur führenden Industriemacht

Mit "Made in China 2025" zur führenden Industriemacht
Simon Oberle
durch

Investitionen in europäische Unternehmen sind nur ein Bestandteil des chinesischen Masterplans „Made in China 2025“. Mit dieser Strategie will die Regierung in den nächsten 25 Jahren zur führenden Industriemacht aufsteigen. Besonders Digitalisierung und smarte Lösungen bilden die tragenden Säulen des ambitionierten Vorhabens. Bereits jetzt gehört China in einem Bereich zur Weltspitze: Künstliche Intelligenz. Mit einer Blogreihe „KI @ China“ werden wir in den kommenden drei Wochen KI-Alltag und Projekte im Reich der Mitte näher beleuchten.

Seit 2015 haben zahlreiche deutsche Unternehmen den Besitzer gewechselt, wie zum Beispiel der Robotik-Spezialist Kuka oder Ista International, ein Energiedienstleister aus dem Ruhrgebiet. Beide Firmen haben zwei Dinge gemein: Sie sind äußerst innovativ und auf ihrem Gebiet technisch führend. Und sie gehören nun chinesischen Investoren. 35 Milliarden Euro steckten chinesische Unternehmen allein 2017 in europäische Firmen.

Politik und Medien verfolgen diese beunruhigenden Entwicklungen, befürchten den Verlust von Know-how und eine Gefährdung des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Doch welche Motivation steckt hinter den chinesischen Übernahmen? Es wird Zeit, die wirtschaftlichen Absichten im Reich der Mitte zu erkunden und gleichzeitig mit alten Vorurteilen aufzuräumen. Sie passen nicht mehr.

Chinas Ziel: führende Industriemacht der Welt

Lange galt China als verlängerte Werkbank der westlichen Welt: billig, schnell und von mäßiger Qualität. Nach dem Motto: Produktion in China, Innovation andernorts. Damit soll nun Schluss sein. Im Jahr 2015 stellte die chinesische Regierung „Made in China 2025“ vor, einen Fahrplan für das kommende Jahrzehnt, der den Weg zur führenden Industriemacht bis zum Jahr 2049 bereiten soll. Spätestens dann, so der Plan, steht „Made in China“ für Innovation, Qualität und Effizienz.

Konkret werden zehn Industriezweige genannt, auf die sich die Bemühungen fokussieren. Erneuerbare Energien gehören dazu, ebenso wie Robotik und Automation, Medizintechnik, alternative Antriebe, Schiff- und Schienenverkehr sowie Informationstechnologie. Einige dieser Technologien bilden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, weswegen der strategische Plan mit den deutschen Schlüsselindustrien konkurriert. Tatsächlich basiert die chinesische Idee auf dem deutschen Industrie-4.0-Konzept: Auch hier ist der Plan, die industrielle Produktion durch Werkzeuge der Informationstechnologie aufzuwerten und dadurch hochwertige Produkte effizient herzustellen.

Zusätzlich besitzt die chinesische Volkspartei ein Machtmonopol, das mit den Regierungen der westlichen Welt nicht einmal entfernt vergleichbar ist. Mit einer aktiven Industrie- und Innovationspolitik ist sie in der Lage, die wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik unmittelbar zu steuern. Während hierzulande noch immer Experten, Energiekonzerne und Politik über den 2002 beschlossenen Atomausstieg streiten, muss ab 2019 jedes zehnte Fahrzeug, das ein Automobilhersteller in China ausliefert, mit Elektroantrieb ausgestattet sein. Statt einer Aussicht auf Entschädigung drohen empfindliche Strafen. Das hat sogar Volkswagen dazu bewogen, noch in diesem Jahr ein Elektrofahrzeug, den SOL E20x, in die Serienproduktion zu entlassen.

Baidu, Tencent und Co: Software als tragende Säule

Die Einkäufe in Europa sind nur ein kleiner Aspekt eines großen Plans. Wenn chinesische Unternehmen langfristig konkurrenzfähig bleiben wollen, wird es nicht reichen, bloß Innovationen zuzukaufen. Viel wichtiger sind Fortschritte in einem Bereich, der die Industrie langfristig innovativ und leistungsfähig machen wird: Software. Konsequente Digitalisierung und intelligente Lösungen sind die tragenden Säulen des ehrgeizigen Plans „Made in China 2025“.

Offensichtlich kann China nicht einfach Google oder Facebook aufkaufen. Aber vielleicht müssen sie das auch gar nicht. Wer sich mit maschinellem Lernen, Bilderkennung, virtuellen Assistenten oder vernetzter Infrastruktur beschäftigt, gewinnt leicht den Eindruck, dass jeder leistungsfähige Ansatz aus dem Silicon Valley stammt. Chinesische IT-Unternehmen tauchen in unserer Vorstellung praktisch nicht auf – ein Trugschluss.

Baidu etwa betreibt die zweitgrößte Suchmaschine der Welt. Mehr als zwei Milliarden aktive Nutzer, dutzende datengetriebene Geschäftsfelder (Werbeanzeigen, Online-Karten, Cloudlösungen uvm.) sowie zahlreiche zukunftsträchtige Forschungsprojekte zu Themen wie autonomes Fahren oder Künstliche Intelligenz zeigen erstaunlich viele Parallelen zum Google-Konzern.

WeChat, das als Messenger-Dienst gestartet ist und mittlerweile das Funktionsspektrum von WhatsApp, Payment- und Lieferdiensten, Taxiservices und vielen weiteren Anbietern gleichzeitig abbildet, wird täglich von beinahe einer Milliarde Menschen genutzt und nimmt im Alltag der chinesischen Bevölkerung längst eine zentrale Rolle ein. Hinter WeChat steht Tencent, über dessen Infrastruktur mehr als die Hälfte des chinesischen Web Traffic läuft. Ein Leitspruch des Konzerns: AI in all.

Bereits KI-Spitzenreiter

Auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz gehören chinesischen Unternehmen zur Weltspitze. Dieser Führungsanspruch ist im „Made in China 2025“-Konzept fest verankert. Die bisherigen Ergebnisse, die in der Bilderkennung erreicht werden, sind beeindruckend. Und die chinesische Regierung zögert nicht, die neuen Technologien sofort großflächig einzusetzen: 180 Millionen KI-unterstützte Überwachungskameras sind im ganzen Land verteilt, um – je nach Lesart – für Sicherheit oder Regimetreue zu sorgen. Ein Projekt wie „Skynet“ ist hierzulande unvorstellbar, dort jedoch bereits Realität. Eine technologieaffine Gesellschaft, ein Heimatmarkt mit enormen Skalierungsmöglichkeiten und ein komplett anderer Umgang mit Daten lässt die Hürden für die Einführung innovativer Lösungen für die Tech-Giganten aus China deutlich schrumpfen.

Wir spekulieren hier keineswegs über ein Vielleicht in der fernen Zukunft. Die Entwicklungen finden gerade jetzt statt, und sie könnten die wirtschaftlichen Kraftverhältnisse komplett umkrempeln. Es lohnt sich also, die chinesische IT-Szene im Auge zu behalten.

Blogserie KI @ China

Deshalb haben wir diesem spannenden Thema eine dreiteilige Blogreihe gewidmet. „KI @ China“ beleuchtet die verschiedenen Facetten der Künstlichen Intelligenz in China. Teil 1 startet mit dem Monitoring von Stadt und Land durch die Projekte Skynet und Sharp Eyes. Die Revolution des Gesundheitswesens durch Tencent wird in Teil 2 betrachtet. Abschließend steht in Teil 3 das Alibaba-Großprojekt ET Brain im Mittelpunkt, das zahlreiche Branchen Chinas auf smart trimmt.

 


In den vergangenen Jahren sind chinesische Investitionen in EU-Unternehmen drastisch gestiegen. Was jedoch oft übersehen wird: noch 2015 waren die Beteiligungen deutscher Unternehmen an chinesischen Firmen etwa 3-mal so hoch wie umgekehrt.
Quelle: MERICS

Foto: GettyImages / DuKai photographer


Simon Oberle

Simon Oberle leitet bei Sopra Steria NEXT den Bereich Future Management Consulting für Financial Services sowie die DigiLabs. Er ist Experte für neue Geschäftsmodelle, Innovationen und Digitalisierungsstrategien in Banken.


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