KI als Zeuge: So nah dran ist Tatort-Chatbot Maria an der Realität

Chatbot KI im Tatort

Gestern lief in der ARD der Münchner Tatort zum Thema Künstliche Intelligenz (KI). Das Fundstück zeigt, dass KI in weiten Teilen der Gesellschaft an Bedeutung gewinnt. In den Medien, nicht nur den sozialen, wurde viel diskutiert, wie viel Fiktion in der Handlung steckt und wie viel heute schon möglich ist. Hier ein kleiner Realitätscheck.

Darum geht es in dem Tatort in aller Kürze: Ein 14-jähriges Mädchen wird vermisst. Der Teenager hat auf seinem Computer ein Programm, das mit Menschen interagiert. Der intelligente Chatbot, Maria, wird Teil der Ermittlungen. Die Kommissare wollen herausfinden, was Maria über das Verschwinden von Melanie weiß, im späteren Verlauf soll sie sogar als Zeugin „aussagen“.

Das kann die KI: Maria kann nicht nur ein Gespräch mit Personen führen, sondern auch ihre Emotionen erkennen, beispielsweise das Gefühl der „Überraschung“. Bei dem Chatbot handelt es sich um eine gestohlene Kopie aus einem Forschungsprojekt. Die Software enthält eine Gesichts- und Objekterkennung und speichert Informationen über Menschen ab. Unter anderem weiß die KI über die Scheidung der Eltern des Mädchens Bescheid. Nach Angaben der Forscher handelt es sich um ein neuronales Netz, kombiniert mit einem Chatbot. Ziel des Forschungsprojekts ist es, einem Computer menschliches Verhalten beizubringen und somit den so genannten Turing Test zu bestehen.

Doch entspricht das alles der Realität? Kann eine KI das?

Bis jetzt soll noch keine KI den Turing Test bestanden haben, heißt es im Tatort. Die vorgestellte KI wäre jedoch sehr nah daran, diesen zu bestehen. Sie kann sehr realistische und menschenähnliche Gespräche führen. Die Dialoge funktionieren sowohl sprachlich (Aussprache, Grammatik) als auch inhaltlich erstaunlich gut. Die Maschine versteht nahezu alles und lernt Neues (z.B. ethische Werte) wahnsinnig schnell. Soweit die Tatort-KI.

Die Realität sieht noch ein stückweit anders aus: Viele der Chatbots, die derzeit genutzt werden – beispielsweise Facebooks Messenger-Chatbot M, Alexa, Siri, Cortana etc. – können nur bestimmte Fachgebiete abdecken und noch kein Gespräch über “Gott und die Welt” in der hier dargestellten Tiefe führen.

Die Tatort-Macher versuchen, diese Defizite zumindest zum Teil einzubauen: An der ein oder anderen Stelle tun sich selbst die Ermittler schwer, mit der KI ein sinnvolles Gespräch zu führen. Manchmal versteht Maria etwas Anderes als wirklich gefragt war. Dies ist ein bekanntes Problem und tritt auch bei den bekannten Chatbots wie Alexa und Google Assistant immer wieder auf.

Während des Films wird von einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin darauf hingewiesen, dass der Input des Menschen nicht zu lang sein solle. Die KI könne zu viele Informationen nicht verarbeiten. Auch dies ist ein bekanntes Problem bei der Analyse von Texten, z.B. Text-Zusammenfassungen. Die Krux ist, dass die KI oftmals den Anfang wieder vergessen hat, wenn sie am Ende des Textes angekommen ist.

Der Teil der KI, der noch am weitesten in der Zukunft liegt, ist der, dass der Chatbot Dinge hinterfragt. Die Ermittler zeigen der KI Fotos, um den Täter zu identifizieren und die KI hakt mehrfach nach, wieso sie das beantworten soll. Ein Computer, der sein Verhalten und das anderer Personen in Frage stellt, hat noch sehr viel mit Science-Fiction zu tun.

Gesichts- und Objekterkennung ist dagegen bereits in vielen Bereichen im Einsatz. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die von Apple eingesetzte Face ID. Dabei wird eine Gesichtserkennungssoftware genutzt, um das iPhone zu entsperren.

“Franz, vergiss nicht, sie zu belehren!”

Wie schnell Menschen vielfach bereits vergessen, dass sie mit einer Maschine kommunizieren, verdeutlicht eine Szene im Tatort: Während einer Befragung der KI, wird ein Witz darübergemacht, dass man die KI belehren sollte vor der „Zeugenvernehmung“. Dabei wird auf eine wichtige, ethische Frage angespielt; ob man möchte, dass eine KI künftig eine Rolle in unserem Rechtssystem spielten solle. Wie jedes andere Computerprogramm, kann diese, wie auch im Tatort verdeutlicht, manipuliert werden. Hier geht es um die Frage, was und vor allem wie die KI Informationen abspeichert und wie sie zu ihrer Antwort/ihrem Ergebnis kommt. Bei so komplexen neuronalen Netzen ist das derzeit nicht möglich herauszufinden.

Fazit: KI und Menschen trennen noch Welten

KI ist im Allgemeinen noch weit weg vom Menschen. KI-Experte Florian Röhrbein spricht in einem Interview auch von KI = Kommende Informatik. Intelligente Systeme haben den Menschen zwar auf Spezialgebieten überholt, AlphaGo ist so ein Beispiel. Dabei handelt es sich bislang aber eher um „Inselbegabungen“. Der Tatort zeigte jedoch eine für einen Film verhältnismäßig realistische Version einer KI, und einige in der Praxis herrschende Probleme werden im Film aufgegriffen. Die Handlung selbst müssen natürlich andere bewerten.

Vielen Dank an Daniel Kandora, der diesen Beitrag als Co-Autor mit verfasst hat.

Foto: Getty Images / metamorworks


Yvonne Awaloff

Yvonne Awaloff ist Beraterin im Bereich Künstliche Intelligenz von Sopra Steria Consulting. Die studierte Bioinformatikerin bloggt hier vor allem über Machine und Deep Learning.


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