Digitalisierung im Financial Reporting – ein Projekt für das gesamte Unternehmen

Digitalisierung Financial Reporting

Digitalisierung bedeutet, dass zentrale Unternehmensbereiche daran denken, ihre Scheuklappen abzusetzen. Was im Financial Reporting als weniger wichtig eingestuft wird, beispielsweise genauere Erkenntnisse und Prognosen, ist für einen anderen Bereich essenziell. Einmal mehr lohnt es sich, eine Digitalisierungsstrategie als Gesamtunternehmensprojekt zu betrachten. Erst mit dieser Helikoptersicht sollte entschieden werden, was und wie digitalisiert wird.

Innerhalb des Accounting ist Digitalisierung vor allem dann nützlich, wenn sich Ressourcen einsparen und Fehler vermeiden lassen. Optimal wäre ein automatisiertes Rechnungswesen, das eigenständig ein Reporting erstellt. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Die Bilanzierung nach IFRS ist geprägt von vielen Einzelfall- und Ermessensentscheidungen. Keine gute Grundlage für Automatisierungsprojekte. Das bedeutet allerdings nicht, dass Digitalisierung keine Mehrwerte schafft. Zeitzeitnah bietet es sich an, dass Experten einen Auslegungsrahmen der IFRS-Regeln vorgeben, innerhalb dessen so viel wie möglich digitalisiert wird. Damit sind ressourcenschonende Abschlüsse ohne Fehler und ein fast close durchaus möglich.

Digitalisierung Financial Reporting
Quelle: Getty Images / alphaspirit

Es gibt noch eine Welt hinter „schnell und fehlerfrei“

Neben diesen Quick-Wins, die sich schnell durch Digitalisierung erzielen lassen, sollte das Accounting langfristige Digitalisierungsinitiativen starten, die über das vereinfachte Erstellen von Bilanzen hinausgehen. Dafür ist allerdings eine Erweiterung des Horizonts dringend notwendig.

Bilanzierung aus Sicht des Rechnungswesens soll kosteneffizient und fehlerfrei laufen – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Fehlerfrei heißt in diesem Sinne nicht perfekt, sondern frei von Feststellungen durch Prüfer, der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) und der Revision. Eine isolierte Digitalisierungsstrategie für das Accounting zielt deshalb auf ein automatisiertes Reporting, bei dem keine Fehler festgestellt werden. Vereinfachte Annahmen über unsichere Faktoren sind für die Bilanzierung durchaus hinnehmbar, solange sie sich gesetzlichen Rahmen bewegen.

Künstliche Intelligenz: Für die einen „nice to have“, für die anderen Wettbewerbsvorteil

Diese limitierte Sicht geht anderen Unternehmensbereichen nicht weit genug. Sie wollen die Finanzdatenhaushalte zu einer digitalen Zentrale für genauere Erkenntnisse, Einschätzungen und Prognosen ausbauen. Banken sind daran besonders interessiert: Sie wollen beispielsweise die Gesamtbanksteuerung und die Kreditrisikosteuerung verbessern, indem sie mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) mehr Informationen verarbeiten können und exaktere Annahmen und Vorhersagen treffen.

Ein solcher Mehrwert durch Digitalisierung liegt außerhalb des Fokus des Accountings. Beispiel: Anpassungen von Kreditverträgen werden nach der Bilanzierungsvorschrift IFRS 9 erfolgswirksam erfasst (Modifications). Der Anpassungsbetrag in der Bilanz basiert auf Annahmen über den künftigen Cash-Flow des Kredits, beispielsweise, wenn ein Kreditnehmer Sondertilgungen vornimmt. Das Ergebnis hat einen Effekt auf Bilanz, Jahresergebnis und Ergebnis der Folgeperioden.

Gäbe es die technische Möglichkeit, eine KI-Lösung anzulernen, die dabei hilft zu schätzen, wann und ob Sondertilgungen geleistet werden, wäre ein „genaueres“ Modifikationsergebnis für viele Accounting-Abteilungen lediglich „nice-to-have“. Für sie gibt es keinen Vorteil „genauer“ zu sein, sofern der Abschluss „fehlerfrei“ erstellt wurde – es sei denn, die KI-Lösung errechnet die Bilanzzahlen schneller und mit geringerem Fehlerrisiko.

Dennoch kann der Einsatz einer KI-Lösung im Accounting im Interesse des Gesamtunternehmens Sinn ergeben. In anderen Unternehmensbereichen entscheidet maximale Genauigkeit im Financial Reporting über die geschäftliche Entwicklung. Exakte Forecasts sind für das Management bei Verhandlungen mit Kunden und Lieferanten und für Investitionsentscheidungen enorm wichtig.

Digitalisierung funktioniert nur bereichsübergreifend

An diesem Beispiel zeigt sich, dass eine bereichsübergreifende Gesamtdigitalisierungsstrategie notwendig ist, um die internen Ziele unterschiedlicher Unternehmensbereiche optimal aufeinander abstimmen zu können. Auch wenn der Vorteil „genauerer Schätzwerte“ im Accounting begrenzt ist: Enthält die Digitalisierungsstrategie den Aufbau einer integrierten Finanzarchitektur und eines optimalen Datenhaushalts, dürfen solche Verbesserungsmaßnahmen nicht vernachlässigt werden. Mit einer systematischen Analyse kann allen Beteiligten transparent gemacht werden, wo sich im Unternehmen Maßnahmen positiv auswirken können – auf dieser Basis sollte über die Umsetzung entschieden werden.

Strategie Financial Reporting
Festlegen einer Digitalisierungsstrategie: Initialisierung bis zur Roadmap.

Die Digitalisierung von Unternehmen kann nur nützlich sein, wenn eine gesamtunternehmerische Strategie aufgesetzt wird und bei einzelnen Maßnahmen die unternehmens- oder konzernweiten Faktoren den Ausschlag geben. Hier und dort eine Automatisierung kann kurzfristig schnelle Erfolge feiern, wird jedoch langfristig den Wettbewerb nicht überstehen.

Beitragsbild: Getty Images / AndreyPopov


Marian Krüger

Marian Krüger ist Berater im Geschäftsbereich Banking von Sopra Steria Consulting. Er ist Ansprechpartner für Accounting und regulatorische Anforderungen und bloggt zu den Themen Digitalisierung und Financial Reporting.


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