Nicht nur künstliche, auch menschliche Intelligenz fördern

Nicht nur künstliche, auch menschliche Intelligenz fördern
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Dank innovativer IoT-Technologien und künstlicher Intelligenz werden Roboter lernfähig, intelligent und sind in der Lage, selbst anspruchsvolle kognitive Tätigkeiten zu übernehmen. Was wird aus dem Menschen in der automatisierten Welt? Timo Taubitz, CEO des VDI Wissensforums über neue Arbeitswelten, Zukunftsaussichten, künftig gefragte Skills und wie wir nicht nur künstliche, sondern auch menschliche Intelligenz fördern.

Fabrikhallen voller intelligenter Maschinen, die selbstständig kommunizieren, sich autonom organisieren und Dinge perfekter und effizienter fertigen als ein Mensch es je könnte – sieht so die Smart Factory der Zukunft aus? Der Werker am Band ist schon heute eine Rarität. Doch was macht der Ingenieur, wenn Roboter Berechnungen und selbst Konstruktionsaufgaben schneller und präziser erledigen?

KI und Automatisierung bergen enorme Produktivitätspotenziale. Allein in Deutschland sollen sie ein zusätzliches jährliches Wirtschaftswachstum von zehn Milliarden Euro ermöglichen, so eine Studie. Ob Roboter eines Tages andere Roboter beaufsichtigen, die wiederum Roboter herstellen, wie es der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller für möglich hält, bleibt dahingestellt. Doch indem sie Jobs von Menschen übernehmen, verändern intelligente Automaten die Arbeitswelt in nie gekannter Weise – auch die von Ingenieuren.

Und das ist gut so. Denn diese Entwicklung kann dazu beitragen, Herausforderungen wie den demografischen Wandel oder den Fachkräftemangel zu bewältigen. Zudem schaffen Roboter durch die Übernahme körperlich belastender Arbeit oder langweiliger Routineaufgaben Freiräume für höherwertige Tätigkeiten – und möglicherweise sogar neue Arbeitsplätze.

Job Killer oder Job Enabler?

Soweit die optimistische Sicht: Ein pessimistisches Bild haben der Ökonom Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael A. Osborne 2013 in „The Future of Employment“ gezeichnet: Demnach arbeiten 42 Prozent der Beschäftigten in Deutschland, darunter auch Ingenieure, in Berufen mit hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit.

Eine andere Rechnung macht das Weltwirtschaftsforum auf. Es prognostiziert, dass der Anteil von Maschinen an der Gesamtarbeitsleistung bis 2022 von heute 29 Prozent auf 42 Prozent steigen und weltweit 75 Millionen Jobs vernichten wird. Gleichzeitig werden jedoch 133 Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen. Damit teilt das WEF – wie die Mehrheit der aktuellen Studien – die zuversichtliche Haltung, dass digitale Transformation und künstliche Intelligenz nicht nur zum Wachstums-, sondern auch zum Beschäftigungsmotor werden.

Was immer die Zukunft bringt, wir werden mit Robotern zusammenarbeiten. Und dafür benötigen wir einige neue Kompetenzen. Denn eine sinnvolle Kooperation mit intelligenten Maschinen kann nur gelingen, wenn wir selbst digitale Exzellenz entwickeln. Wir müssen also nicht nur die künstliche, sondern auch die menschliche Intelligenz weiter fördern.

Skills für die Smart Factory

Welche Skills verlangt die digitale, weitestgehend automatisierte Smart Factory? Bereits heute zeichnet sich ab, dass Disziplinen wie Maschinenbau, Elektrotechnik und IT ebenso zusammenwachsen wie Entwicklung, Konstruktion und Produktion. Ingenieuren kommt die Aufgabe zu, die immer engere Kooperation dieser Bereiche in interdisziplinären, weltweit vernetzten Teams zu managen, Prozesse zu gestalten, intelligente Maschinen anzulernen und Probleme zu lösen, wenn Roboter an ihre Grenzen stoßen.

Dafür benötigen die geistigen Nachfahren von Gottlieb Daimler, Robert Bosch und Co. IT- und Programmier-Know-how, agiles Denken sowie ein profundes Verständnis von Produktions- und Geschäftsprozessen. Zugleich gilt es, soziale und kommunikative Kompetenzen weiter zu entfalten. Im Grunde sind Fähigkeiten gefragt, die längst zur Kultur von Ingenieuren und anderen Wissensarbeitern gehören: bei der gemeinsamen Entwicklung in übergreifenden Teams und mit dem Kunden ebenso wie beim Bestreben perfekte Lösungen auf den Weg zu bringen.

Worauf es unter den veränderten Vorzeichen der Industrie 4.0 ankommt ist, diese Skills weiter zu stärken und vor allem: die Bereitschaft, sich ständig neuen Themen zu öffnen. Ohne lebenslanges Lernen geht es nicht mehr, wenn wir den digitalen Wandel der Arbeitswelt erfolgreich gestalten wollen. Unternehmen, Staat und auch die Beschäftigten selbst müssen massiv in Weiterbildung investieren und Angebote schaffen.

Unser Lernkapital für morgen

Bereits vor gut einem Jahr auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos forderte der Alibaba-Gründer Jack Ma, Bildung und Lernen dringend neu zu denken, da wir mit Maschinen in Zukunft in puncto Wissen und Genauigkeit ohnehin nicht konkurrieren können. Für die digitale Welt benötigen wir neue Inhalte und Formen des Lernens – ein Thema, das uns beim VDI Wissensforum enorm umtreibt. Dazu gehört, dass wir Lernen als festen Bestandteil von Arbeit begreifen, Austausch und Vernetzung weiter fördern und dabei vor allem das, was uns von Robotern unterscheidet: Empathie, Werte, Kreativität und die Fähigkeit, für eine Sache zu brennen. Das ist unser Lernkapital für die Zukunft.


Quelle: LinkedIn Skills Gap Studie

 

Über den Autor:

Timo Taubitz ist CEO des VDI-Wissensforums. In über 2.150 Kongressen, Tagungen, Technikforen, Lehrgängen und Seminaren bilden sich jährlich über 37.000 Teilnehmer weiter. Die Veränderung der Arbeitswelt ist eine Thema, das Timo Taubitz seit Jahren begleitet – nicht nur bei Ingenieuren, sondern auch im eigenen Unternehmen. So zählt das VDI-Wissensforum zu einem der modernsten Arbeitgebern Nordrhein-Westfalens.

 

Foto: Getty Images / baona


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