Digitale Exzellenz
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KI @ China – von „Skynet“ zu „Sharp Eyes“

, 15. Oktober 2018

Lesezeit: 5 Minuten

KI @ China – von „Skynet“ zu „Sharp Eyes“

Kontrolle wird in China großgeschrieben. Alles wird kontrolliert, und jeder kann jetzt auch selbst zum Kontrolleur werden – „Skynet“ und „Sharp Eyes“ machen es möglich. Während sich das Projekt Skynet auf die Überwachung von Städten bezieht, kommt Sharp Eyes in den ländlichen Regionen zum Einsatz. Der Auftakt einer dreiteiligen Serie über Künstliche Intelligenz (KI) in China zeigt, wie weit sich Monitoring mithilfe von KI treiben lässt.

Im vergangenen Jahr war Frau Yin, eine Sicherheitsfreiwillige aus einem Dorf in Nordostchina zuhause und passte auf ihre Enkel auf. Währenddessen schaute sie den Überwachungskameras im Fernsehen zu. Dort sah Frau Yin ein Fahrzeug ohne Nummernschild im Dorf herumfahren. Ein Mann stieg aus dem Auto und versuchte das Türschloss eines Hauses aufzubrechen. Sofort drückte Frau Yin die „One-Click-Polizeiruf“-Taste, die direkt auf der Fernbedienung installiert ist. Nach dem Empfang des Alarms wurde das Patrouillen-Team des örtlichen „Sharp Eyes“-Projekts entsandt, um den verdächtigen Einbrecher festzunehmen.

Projekt Skynet: das Netz des Himmels

Sharp Eyes ist Teil des größeren Projekts Skynet oder 天网 (Tian Wang) auf Chinesisch, was so viel wie „das Netz des Himmels“ bedeutet. Skynet wurde im Jahr 2005 als Pilotprojekt in der historischen Stadt Hangzhou gestartet. Bis September 2017 wurden landesweit mehr als 20 Millionen Überwachungskameras installiert, auf öffentlichen Plätzen, Hauptstraßen und Kreuzungen, in Städten und Gemeinden, in Parks, Museen und an Denkmälern, Hotels, Universitäten, Schulen sowie in Klassezimmern und Krankenhäusern.

Für zahlreiche Bewohner sind die Gesichtserkennungskameras, die den Zugang zu ihrer Wohnung ermöglichen, eine praktische und alltägliche Annehmlichkeit: „Wenn ich Einkaufstaschen in beiden Händen trage, muss ich nur nach vorne schauen und die Tür öffnet sich,“ berichtete die 40-jährige Mao Ya, eine Bewohnerin der bevölkerungsreichen Stadt Chongqing in Südwestchina, „und auch meine 5-jährige Tochter kann einfach in die Kamera schauen und hineingehen.“

Aber natürlich gibt es auch kritische Stimmen: „Ich habe das Gefühl, dass meine akademische Freiheit verletzt wurde“, sagt Liu Xin, Professor für Rechtswissenschaften an der Chinesischen Universität für Politikwissenschaft und Recht, „ein Klassenzimmer sollte ein Raum sein, der genügend Freiheit für akademische Diskussionen bietet. Die Kenntnis, dass wir vor Kameras unterrichten, lässt uns überdenken, was wir sagen“, fügt Liu hinzu.

Die Regierung aber verfolgt mit den Kameras einen ganz anderen Zweck. Skynet setzt ein Geoinformationssystem, künstliche Intelligenz und Gesichtserkennung ein, um Personen zu identifizieren, deren Gesichter von Überwachungskameras aufgenommen wurden, und laut der staatlichen Tageszeitung Global Times, um „Verbrechen zu bekämpfen und mögliche Katastrophen zu verhindern“. Das System funktioniert in Echtzeit und kann Personen in Sekundenschnelle identifizieren. Die Genauigkeitsrate beträgt bis zu 99,8 Prozent – auch wenn die Person in Bewegung ist.

Skynet ist aktuell in sechzehn Provinzen und Städten implementiert, und Start-ups wie SenseTime, Megvii (auch bekannt als Face++) oder Cloudwalk stellen ihre Gesichtserkennung dem Projekt zur Verfügung. Die Technologie von Megvii hat seit 2016 dazu beigetragen, 4.000 Personen zu verhaften, darunter etwa 1.000 in Hangzhou. Finanziert vom den staatlichen Venture Capital Fund, der Alibaba Group Holding AG (durch ihre Filiale Ant Financial) und Foxconn wurde das Start-up aus Peking im Dezember 2017 in einer Finanzierungsrunde mit zwei Milliarden US-Dollar bewertet.

Skynet breitet sich aus: Sharp Eyes im ländlichen China

Nach dem Erfolg von Skynet hat Chinas oberste Planungsbehörde – die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission – 2015 das Mandat erteilt, die Videoüberwachung bis 2020 komplett auf alle öffentlichen Bereiche und Schlüsselindustrien Chinas auszuweiten. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die gesamte Bevölkerung aufgerufen, ihre Nachbarn, Freunde und sogar Familien zu überwachen und darüber zu berichten.

2016 wurde „Sharp Eyes“ eingeführt. Der Name des Projekts entstammt dem Slogan „Die Augen der Massen sind scharf wie Schnee“ von Mao Zedong, ehemaliger Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas. Während sich Skynet auf Städte konzentriert und intensiv Technologien einsetzt, ist Sharp Eyes ein ländliches, massenbasiertes, öffentliches Sicherheitssystem innerhalb von Bezirken, Gemeinden und Dörfern und ermutigt persönliche Teilnahme.

Ermöglicht durch umfassende Information, Netzwerkanwendungen und Grid-Management, soll die öffentliche Sicherheit „volle Deckung [und] keine Sackgassen“ haben. Durch die Mobilisierung der sozialen Kräfte ist das Ziel, die öffentlichen Sicherheitsmaßnahmen auf die Massen zu verteilen und aktiv gemeinsam zu gestalten. „Wenn ich jetzt nach dem Abendessen einen Sparziergang mache, habe ich keine Angst vor Diebstahl mehr“, sagt Liu Mengqiong, die in einem Dorf in Südwestchina wohnt, als sie die hochauflösende Überwachungskamera vor der Haustür zeigt, die sie überall und jederzeit per Handy überwachen und kontrollieren kann.

Nächste Schritte

Mit Skynet wird alles kontrolliert; mit Sharp Eyes kann jeder zum Kontrolleur werden. Sicherheitskontrolle und -überwachung werden im Reich der Mitte gleichzeitig zentralisiert und dezentralisiert. Bis zum Jahr 2020 strebt die chinesische Regierung ein „allgegenwärtiges, vollständig vernetztes, immer funktionsfähiges und voll steuerbares“ Videoüberwachungsnetz mit Video- und Bildanalysen an. Übrigens findet der Rollout des verpflichtenden Social-Credit-Systems, in dem jede Aktivität von Staatsbürgern sowie Firmen analysiert, bewertet und eingestuft wird, auch im Jahr 2020 statt.

Für den Text genutzte Quellen in englischer Sprache:
https://baike.baidu.com/item/%E5%A4%A9%E7%BD%91%E5%B7%A5%E7%A8%8B
https://baike.baidu.com/item/%E9%9B%AA%E4%BA%AE%E5%B7%A5%E7%A8%8B
http://www.globaltimes.cn/content/1095176.shtml
http://www.xinhuanet.com/politics/2018-02/13/c_1122411094.htm?baike

Foto: Getty Images / Colin Anderson